Immer mehr Kirchenaustritte
Immer mehr Kirchenaustritte

01.03.2015

Bistumsstudie zu Kirchenaustritten und Stimmung der Gläubigen Tropfen bringt das Fass zum Überlaufen

Am Montag wird erstmals in Deutschland eine groß angelegte Bistumsstudie vorgestellt, die die Ursachen der vermehrten Kirchenaustritte und die Zufriedenheit der Gläubigen beleuchtet. Die Lage ist dramatisch.

Limburger Bauskandal, sexueller Missbrauch, Kirchensteuer auf Zinserträge - nach Schlagzeilen zu solchen Reizthemen treten auffallend viele Menschen aus ihrer Kirche aus. Meist hat dann ein letzter Tropfen das Fass zum Überlaufen gebracht. Doch die Gründe liegen tiefer, wie die Studie zeigt.

Zum Hintergrund erklärt Stephan Kronenburg, Pressesprecher des Bistums Münster: "Im Kern wollten wir ermitteln, wie zufrieden oder unzufrieden die Menschen mit der Kirche sind - sowohl mit der eher abstrakten Institution als auch mit den konkreten Angeboten vor Ort." Wie beim Segeln zunächst also eine Bestimmung des Standorts, dann Entscheidung über den künftigen Kurs. Denn die Kirchenoberen wollen den Austritts-Trend stoppen - nicht nur in Münster.

Bundesweite Aussagekraft

Diözesanbischof Felix Genn und drei Wissenschaftler werden die Studie präsentieren. Diese sind in den Bereichen Marketing und Betriebswirtschaft zu Hause und haben 1.000 repräsentativ ausgewählte Katholiken im Bistum Münster befragt. Die Daten aus der drittgrößten deutschen Diözese haben auch bundesweite Aussagekraft. Warum jemand austreten oder bleiben will, dürfte überall ähnlich sein - egal ob in Münster, Münsingen oder München.

In Deutschland sagten 2013 knapp 180.000 Katholiken ihrer Kirche Adieu. Bei den Protestanten stammt die letzte greifbare Zahl aus dem Jahr 2012 und lag noch höher: 256.500 Austritte. Nach allen bisherigen Analysen hat bei den Betroffenen zuvor ein langer Prozess der Entfremdung stattgefunden. Wenn dann ein vermeintlicher oder tatsächlicher Skandal einschlägt, ist der Schritt zum Austritt nicht weit.

Die deutschen Bischöfe nehmen das Thema keineswegs auf die leichte Schulter. Der Mainzer Kardinal Karl Lehmann etwa bezeichnet die Zahlen als "erschreckend hoch". Und sein Kölner Amtsbruder Kardinal Rainer Maria Woelki gestand vor Journalisten: "Das tut mir natürlich weh, weil es uns an unser Versagen erinnert." Über Mitgliederschwund klagen allerdings auch Vereine, Parteien und Gewerkschaften.

Eine kurzsichtige Interpretation stößt daher beim Münchner Kardinal Reinhard Marx auf Ablehnung. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz nannte es sinnlos, Kirchenaustritte nur als Folge aktueller Ereignisse zu deuten. "Auch jenseits der Ausschläge sind die Zahlen so, dass wir nicht einfach zur Tagesordnung übergehen wollen", ergänzt Kronenburg mit Blick auf die Statistik.

Er hofft, dass die neue Studie Wegweiser liefert für künftige Schritte. Denn wie wahrscheinlich ein Austritt aus der Kirche wird, hänge stark von der Zufriedenheit ab. Salopp formuliert: Wer unzufrieden ist, tritt eher aus. Anders als jemand, der sich in seinem "Verein" wohlfühlt oder gar Glauben, Gemeinschaft und Gottesdienst als Bereicherung empfindet.

Ungünstige Balance

Wie brisant das Thema für die Zukunft ist, belegt eine Studie der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) aus dem Vorjahr. Demnach erwägen in Westdeutschland rund 40 Prozent der unter 21-Jährigen und 25 Prozent der 21- bis 29-Jährigen einen Austritt. Die Erhebung kommt zu dem Schluss: "Bei gleichzeitiger Berücksichtigung, dass kaum ein Konfessionsloser über einen (Wieder-)Eintritt nachdenkt, verweist dies auf eine ungünstige Balance."

Nun kommt die Analyse aus Münster. Sie entspricht einem Vorstoß der Bischofskonferenz vom Herbst. Nach der letzten Vollversammlung in Fulda kündigte Marx an, die Bischöfe wollten sich in den kommenden Monaten verstärkt mit dem "Verhältnis von Kirchenzugehörigkeit und Kirchenzustimmung" befassen.

Initiativen, die Zustimmung und Zufriedenheit steigern sollen, gibt es bereits: Führungen durch das umstrittene Limburger Bauprojekt, mehr Transparenz in Finanzfragen, klare Leitlinien zu Missbrauch und Vorbeugung. Ob das zu einer Trendwende führt? Der Freiburger Religionssoziologe Michael Ebertz warnte bereits vor übereilten Erwartungen: "Vertrauen zu gewinnen ist ungleich schwieriger, als es zu verlieren."

domradio.de wird am Montag ausführlich die Studie vorstellen.

Thomas Winkel
(KNA)

Die Etappen

Gewinnspiel: Wo ist Ingo?

Ingo treffen - Foto machen, mailen an info@domradio.de und Überraschungspaket gewinnen!

größere Karte

Wochenkommentar

Der DOMRADIO.DE Chefredakteur blickt auf die Woche.