Jan Hendrik Stens
Jan Hendrik Stens

13.11.2013

domradio.de-Redakteur zur Vatikankritik an der Freiburger Handreichung Im Sinne der Glaubenslehre

Bislang reagiert das Erzbistum Freiburg gelassen auf die Kritik aus Rom an seiner Handreichung zu wiederverheiratet Geschiedenen. Hat die Stimme der Glaubenskongregation kein Gewicht in der Debatte? Dazu domradio.de-Redakteur Jan Hendrik Stens.

domradio.de: Freiburg reagiert mit Gelassenheit auf das Schreiben der Glaubenskongregation und vertraut ganz auf Papst Franziskus, der in einem anderen Fall gesagt hat "Macht euch keine Sorgen, wenn ein Brief von der Glaubenskongregation kommt". Hat Erzbischof Müller überhaupt Rückhalt beim Papst?

Jan Hendrik Stens: Man muss dazu sagen, dass diese Aussagen vom Papst, die hier genannt werden, in einem internen Gespräch vor lateinamerikanischen Ordensleuten gefallen sind. Hier ging es um die Auseinandersetzungen in vielfacher Hinsicht mit der Befreiungstheologie, mit der konkreten Seelsorge vor Ort in Südamerika. Auch hier geht es um eine seelsorgliche Frage, allerdings mit Relevanz für die universalkirchliche Lehre. Ob man die Aussagen des Papstes so einfach auf alle anderen Fälle, wo es Reibereien mit der Glaubenskongregation gibt, übertragen und das als Freibrief benutzen kann, das wage ich zu bezweifeln. Man muss natürlich sagen, wenn ein Brief von Erzbischof Müller an Erzbischof Zollitsch und an alle anderen deutschen Bischöfe geht, dann ist das nicht die persönliche Meinung von Erzbischof Müller, sondern hier spricht der Präfekt der Glaubenskongregation und wenn die Glaubenskongregation etwas macht, ist das auch in der Regel mit dem Papst abgesprochen. Erzbischof Müller schreibt in seinem Brief, nach Rücksprache mit dem Heiligen Vater würde nun dieser Artikel im Osservatore Romano erscheinen und auch seine gesamte Position sei mit Papst Franziskus abgestimmt. Erzbischof Müller handelt hier mit Sicherheit nicht aus eigenem Privatinteresse, sondern in der Funktion als Präfekt der Glaubenskongregation.

domradio.de: Das heißt, Erzbischof Müller sitzt am längeren Hebel?

Stens:  Das ist jetzt die Frage. Du sprichst wahrscheinlich auch auf Kardinal Marx an, der ja gesagt hat, auch Erzbischof Müller könne hier eine Debatte nicht beenden. Das ist sicherlich rein faktisch gemeint und soll nicht die Zuständigkeit und Überordnung der Glaubenskongregation in Frage stellen. Man kann über alles reden, nur letztlich die Entscheidung trifft das Lehramt. Und wenn die Glaubenskongregation feststellt, hier ist das Lehramt in einer bestimmten Form tangiert, dann hat sie natürlich einzuschreiten und das geschieht in Absprache mit Papst Franziskus. Franziskus hat sich diesbezüglich so noch nicht ganz klar geäußert und insofern müssen wir mal gucken, was in den nächsten Wochen vom Papst selbst zu hören sein wird. Mit Spannung schauen wir dann natürlich auf die Synode im Herbst des kommenden Jahres zum Thema "Ehe und Familie".

domradio.de: In Rom treffen sich dann Bischöfe aus aller Welt zu einer außerordentlichen Synode, um auch über das Thema "Wiederverheiratet Geschiedene" sprechen. Welche Erwartungen sind an diese Synode inhaltlich zu richten?

Stens: Die Erwartungen sind sehr hoch, zumal in den vergangenen Tagen immer wieder die Rede von dem sogenannten vatikanischen Fragebogen war, der jetzt an alle Gläubigen verteilt werden soll. Dieser Fragebogen geht an die Bischöfe und die Bischöfe entscheiden, wie sie sich zu diesen Fragen verhalten und es ist in Deutschland wohl auch auf Grund des Dialogprozesses und auf Grund weiterer Forderungen nach Transparenz dazu gekommen, dass dieser Fragebogen an die Gläubigen oder an die Gremien in den einzelnen Diözesen weitergegeben wird, das obliegt aber jedem einzelnen Bischof. Kardinal Erdö, der Generalrelator dieser Synode, hat ja auch schon die Erwartungen gedämpft und gesagt, man wolle keine Debatte über die Doktrin eröffnen. Wenn also tatsächlich die kirchliche Glaubenslehre eine bestimmte Haltung zu Wiederverheiratet Geschiedenen hat, dann wird daran nicht gerüttelt - ob dem so ist, darüber streiten ja die Theologen. Wir hatten beispielsweise Professor Lüdicke, der im domradio.de-Interview gesagt hat, uns geht es überhaupt nicht darum, die Unauflöslichkeit der Ehe in Frage zu stellen. Das sieht Erzbischof Müller als Präfekt der Glaubenskongregation anders. Wer sich nun durchsetzen wird auf der Synode, das werden wir im Herbst nächsten Jahres sehen. Im Wesentlichen geht es aber schon - und das hat Erzbischof Müller ja auch in seinem Schreiben formuliert - um wichtige Aspekte in der Seelsorge und dass natürlich Zivilwiederverheiratete selbstverständlich auch seelsorglichen Beistand benötigen und diesen auch bekommen sollen. Ich denke mal, da sind sich alle einig.
 
Das Interview führte Verena Tröster

(DR)

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