Bischof Franz-Josef Bode
Bischof Franz-Josef Bode

02.10.2014

Der Osnabrücker Bischof Bode zur Familiensynode im Vatikan "Die Kirche muss sich bewegen"

Wenn es um Familie und Sexualität geht, muss die katholische Kirche nach Überzeugung des Osnabrücker Bischofs Franz-Josef Bode umdenken und anders auf die Menschen zugehen. Ein Interview kurz vor Beginn der Bischofssynode im Vatikan.

Bischof Franz-Josef Bode gehört zum Leitungsteam des Dialogprozesses innerhalb der katholischen Kirche Deutschlands. Er ist Vorsitzender der Pastoralkommission der Deutschen Bischofskonferenz. Am Mittwoch hatte er an der Generalaudienz mit Papst Franziskus auf dem Petersplatz teilgenommen. Der Papst richtete einen Gruß an Bode und die mitgereisten Mitarbeiter des Generalvikariates und rief sie auf, den Rosenkranz für das Gelingen der bevorstehenden Weltbischofssynode über die Familie zu beten. In seiner Ansprache hob Franziskus hervor, die unterschiedlichen Charismen in der Kirche seien als eine Bereicherung und ein Geschenk Heiligen Geistes zu verstehen und nicht als Problem.

KNA: Bischof Bode, bei der Bischofssynode dreht sich jetzt alles um Ehe und Familie. Was erwarten Sie?

Bode: Ich bin gespannt. Es wurden ja schon große Erwartungen geweckt, etwa durch die weltweite Umfrage, die detaillierte Informationen geliefert hat über das Leben in Ehe und Familie. Da hat sich auch eine deutliche Kluft gezeigt zwischen der Lehre der Kirche und dem, was viele Katholiken denken und wie sie handeln. Doch bei allen Unterschieden, die erst einmal nüchtern festzustellen sind, hoffe ich, dass die Synode deutlich macht, dass es große Übereinstimmungen gibt bei den Sehnsüchten der Menschen und den Werten, die die Kirche vertritt.

KNA: Zum Beispiel?

Bode: Liebe, Verlässlichkeit, Treue und die Sehnsucht nach einer intakten Familie. Da können wir uns als Kirche positiv einbringen und den Menschen Mut machen, das Abenteuer Ehe und Familie zu wagen. In meiner früheren Funktion als Jugendbischof habe ich erfahren und erlebe es auch heute immer wieder, wie sehr sich junge Leute nach verlässlichen Beziehungen sehnen, nach einer Liebe, die gelingt, und nach Familie und Kindern. Hier müssen wir ansetzen, die Sehnsüchte aufgreifen und die Werte der Kirche überzeugend vermitteln. Aber wohl wissend, dass viele junge Leute nach ihrem eigenen Gewissen entscheiden wollen, wie sie ihre Sehnsüchte leben. Sie wollen keine Kirche, die ihnen nur mit erhobenem Zeigefinger reinredet.

KNA: Sind diese Haltung und die Kluft zwischen Lehre und Alltag ein typisch deutsches bzw. europäisches Randproblem, wie manchmal zu hören ist?

Bode: Das glaube ich nicht. Überall geht es doch um die Herausforderung, wie das Leben gelingen kann in Liebe, Sexualität und Freundschaft. Sicher wird das nicht überall so offen diskutiert wie bei uns, aber Diskrepanzen gibt es auch in anderen Ländern.

KNA: Warum fällt es der Kirche so schwer, die Menschen zu erreichen in diesem Bereich?

Bode: Wir stoßen hier an Grenzen. Ich kann gut mit jungen Leuten über Werte und Ideale reden, aber wenn es dann um konkrete Normen und Handlungsanweisungen geht, klaffen die Ansichten oft himmelweit auseinander. Ich glaube, wir können das ändern, wenn wir auch Stufen zulassen und nicht nur 'alles oder nichts' fordern. Wenn wir junge Leute auf ihrem Weg begleiten und nicht sofort sagen: Entweder du hältst dich daran oder du bist raus, denn alles andere ist Sünde. Wir müssen da behutsamer sein und stärker die Eigenständigkeit des persönlichen Gewissens achten.

KNA: Andere Bischöfe warnen genau davor und sagen: Wenn wir da auch nur ein Stückchen von der Lehre abweichen und den Menschen entgegenkommen, fällt das ganze Gebäude in sich zusammen.

Bode: Es gibt natürlich die Sorge vor einem Dammbruch. Aber wir müssen auch berücksichtigen, wie sehr sich die Lebenssituationen der Menschen verändert haben. Wenn wir da keine neuen Schritte wagen und immer nur Angst vor einem Dammbruch haben, drohen wir zu erstarren.

KNA: Ein besonderer Streitpunkt ist der Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen. Konkret die Frage, ob sie zur Kommunion gehen dürfen. Da wird zurzeit manchmal schweres Geschütz aufgefahren, sogar von 'Theologenkrieg' ist die Rede...

Bode: Ja, sie liegt auf dem Tisch, diese Auseinandersetzung, ob wir wollen oder nicht. Namhafte Theologen haben sich geäußert, es gibt sehr gewichtige Aussagen. Und der Papst scheint genau das zu wollen: dass die Synode lebhaft diskutiert. Da sollten wir auch nicht zu sehr fixiert sein auf den Sakramentenempfang. Die Frage dahinter ist doch, wie wir überhaupt umgehen mit Lebensentwürfen, die nicht so gelingen, wie sie vorgesehen waren, oder die nicht dem entsprechen, was wir als Kirche erwarten. Natürlich ist das nicht die Kernfrage des gesamten Ehe- und Familienlebens. Aber die Menschen möchten wissen, wie Kirche mit Scheitern umgeht.

KNA: Sehen Sie da Spielräume in der Seelsorge? Könnte man etwa auf Einzelfälle Rücksicht nehmen, ohne dass gleich die gesamte Unauflöslichkeit der Ehe auf dem Spiel steht?

Bode: Eins ist klar: Die Unauflöslichkeit der Ehe ist nicht verhandelbar. Sie ist uns von Christus vorgegeben als Zeichen und Abbild der Liebe Gottes zu uns Menschen. Die Frage ist, ob es bei einer zweiten Beziehung unter unterschiedlichen Bedingungen immer so sein muss, dass wir diese als dauerhaften Ehebruch ansehen, weshalb man nicht mehr zur Kommunion gehen kann. Oder kann das Neue, das entstanden ist in einer zweiten zivilen Ehe, nicht auch auf andere Weise, nicht sakramental, auf Gottes Liebe und Großmut verweisen? Ist die Kommunion nur eine Belohnung für die schon ,Vollkommenen" oder auch ein Heilmittel für diejenigen, die Hilfe brauchen?

KNA: Aber das Sakrament der Ehe bleibt ja bestehen "bis der Tod uns scheidet". Wenn dann jemand eine zweite zivile Ehe eingeht und zur Kommunion gehen will, dann muss er eben, wie es heißt, "wie Bruder und Schwester zusammenleben". Ist diese Forderung realistisch?

Bode: Für mich stellt sich hier die Frage, ob die Ehe nicht zu sehr auf einen einzigen Bereich verengt wird. Ich kann doch die Ehe nicht auf den sexuellen Vollzug reduzieren. Hängt die Wertigkeit einer Ehe nicht von vielen Faktoren ab? Eine praktikable Lösung auf Dauer kann die Forderung nach Enthaltsamkeit aus meiner Sicht nicht sein.

KNA: Jetzt ist die außerordentliche Synode 2014 ja erstmal eine Bestandsaufnahme, ohne dass es Entscheidungen geben soll. Die Erwartungen dagegen sind sehr hoch. Was kann denn am Ende dieser zwei Wochen rauskommen, so dass diese Erwartungen nicht total enttäuscht werden?

Bode: Man sieht, wie ernst der Papst die Fragen zu Ehe und Familie nimmt, sonst würde er nicht solche Synoden einberufen. Und man muss das als Gesamtprozess sehen - von den Umfragen am Anfang über die erste Synode und das ganze Jahr danach bis zur zweiten. So haben wir auch viel mehr Zeit, differenzierte Sichtweisen einzubringen, als wenn nach 14 Tagen Synode ein Abschlusspapier fertig sein müsste. Der Papst will eine ernsthafte Debatte, und die braucht einfach Zeit.

KNA: Aber haben die Menschen die Geduld zu warten? Oder erwarten viele ohnehin gar nichts mehr von der Kirche in diesen Fragen?

Bode: Ich fürchte, das Zweite trifft für viele zu. Ich kenne eine Menge junger Leute, die sich engagieren und in der Kirche beheimatet sind, aber in diesen Fragen längst nicht mehr nach der kirchlichen Lehre fragen. Das müssen wir nüchtern feststellen. Und doch bin ich mir sicher, dass es auch für diese Menschen - und nicht nur für sie - ein wichtiges Signal wäre, wenn sie spürten, dass sich die Kirche bewegt, dass die Bischöfe diese Entwicklungen in ihrer Differenziertheit wahrnehmen, nicht sofort verteufeln, ganz ernsthaft darüber diskutieren. Da hat die Umfrage auch schon einiges in Gang gesetzt. Und warum sollen wir es nicht schaffen, demnächst differenzierter auf die Lebenssituationen der Menschen antworten zu können?

Gottfried Bohl
(KNA)

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