Reinhard Kardinal Marx
Reinhard Kardinal Marx
KNA-Chefredakteur Ludwig Ring-Eifel
KNA-Chefredakteur Ludwig Ring-Eifel

04.06.2021

Marx' Rücktrittsgesuch könnte die gesamte Kirche bewegen Kommt die "chilenische Variante"?

In der katholischen Kirche geht es Schlag auf Schlag: Der Papst schickt Sonderkommissare ins Erzbistum Köln, dann veröffentlicht er ein neues Strafrecht, und nun stellt der Münchner Kardinal Marx seinen Rücktritt in Aussicht.

Warum er und warum gerade jetzt? Diese Frage stellen viele Insider und auch Beobachter von außen nach dem überraschenden Rücktrittsangebot von Kardinal Reinhard Marx als Erzbischof von München. Die ersten Mutmaßungen sind die üblichen bei Rücktritten dieser Art: Ist er nicht in Wahrheit gesundheitlich angeschlagen? Und hat er nicht auch noch einige "Leichen im Keller", was den Umgang mit Missbrauchsfällen in seinen beiden Bischofsstationen in Trier und in München angeht?

Einen "toten Punkt" macht Marx als Auslöser geltend, und in den ersten Agenturmeldungen klang dies wie eine Begründung für einen Rücktritt in auswegloser Resignation. Doch diese Erklärungsversuche greifen im Fall des angebotenen Marx-Rücktritts offensichtlich zu kurz. Bei einer kurzfristig einberufenen Pressekonferenz betonte er am Freitagnachmittag in München, er sei keineswegs amtsmüde und wolle weiter aktiv der Kirche dienen. Das deckt sich mit Tenor und Tonfall seines persönlichen Rücktrittsschreibens an den Papst und seiner schriftlichen Erklärung zu diesem Schritt.

"Toter Punkt" oder "neues Momentum"?

Nach den Gesetzen der Mechanik kommt nach einem toten Punkt oft ein "neues Momentum". Theologisch gesprochen ist das die Auferstehung, und nicht weniger als eine Auferstehung erwartet Marx in seinem Schreiben an Papst Franziskus von der katholischen Kirche, und das nicht nur in Deutschland. Es ist daher kein Zufall, dass Marx das Schreiben ausgerechnet in der Zeit um Ostern verfasste - zu jener Zeit, in der Christen über das Wunder der Auferstehung nach dem Tiefstpunkt des Todes nachdenken.

Marx betont immer wieder, dass sein Rücktritt ein ganz persönlicher Schritt sei. Dennoch hat er mit diesem Schritt die moralische Latte für andere Bischöfe in Deutschland kräftig angehoben. Es genüge eben nicht, über Pflichtverletzungen und Gesetzesübertretungen zu sprechen, das reiche für einen Neubeginn nicht aus, so seine Botschaft. Die persönliche Verantwortung sei gefragt, ja ein Bischof müsse sogar für das Versagen seiner Vorgänger Verantwortung übernehmen, erklärte er bei der Pressekonferenz.

Druck - aber indirekt

Letztlich setzt Marx damit, gewollt oder nicht, alle katholischen Bischöfe zumindest indirekt unter Druck. Der Blick richtet sich auf einen Präzedenzfall am anderen Ende der Welt: Die katholischen Bischöfe in Chile haben im Jahr 2018 nach einem landesweiten Missbrauchsskandal dem Papst beinahe geschlossen ihren Rücktritt angeboten. Etliche davon nahm Franziskus an, einige bald, andere nach weiteren Überprüfungen.

In Deutschland haben bisher der Erzbischof von Hamburg sowie ein Kölner Weihbischof und nun auch der Münchner Erzbischof ihre Rücktritte angeboten. Die ersten beiden, nachdem ihnen Pflichtverletzungen nachgewiesen wurden, und nun Marx noch vor der möglichen Veröffentlichung ähnlicher Nachweise in seinem Erzbistum. Ob weitere Bischöfe folgen werden oder ob die Deutsche Bischofskonferenz eines Tages auch die "chilenische Variante" wählen könnte, ist letztlich keine entscheidende Frage mehr. Der Knoten der Verstrickung beginnt sich so oder so zu lösen.

Ludwig Ring-Eifel

(KNA)

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