Deutsche Bischöfe treffen sich zur Herbstvollversammlung
Deutsche Bischöfe

15.03.2019

BKU mahnt nach Vollversammlung schnelle Änderungen an "Kirche hat Nach- und Aufholbedarf"

Die Frühjahrsvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz in Lingen ist Geschichte. Kardinal Reinhard Marx hat zum Abschluss die kommende Marschrichtung vorgegeben. Für den Bund der katholischen Unternehmer ist das Ergebnis zu dünn.

DOMRADIO.DE: Was müsste denn jetzt Ihrer Meinung nach passieren?

Prof. Dr. Dr. Ulrich Hemel (Vorsitzender des Bundes der katholischen Unternehmer / BKU): Zum einen müssen wir eine kirchliche Verwaltungsgerichtsbarkeit haben. Das scheint ein kleiner Schritt zu sein, ist aber ein großer. Damit ist nicht gemeint, dass dann eine eigene Gerichtsbarkeit da ist. Aber stellen Sie sich vor, Sie haben einen Verdacht, Sie haben ein Problem und es wird einseitig entschieden und der Pfarrer Soundso wird von A nach B versetzt. Wenn diese Versetzung auch bedeutet, dass er dann beispielsweise mit Kindern zu tun haben würde, die gefährdet sind, dann muss man gegen diese Entscheidung Berufung einlegen können. Daran hat es in der Vergangenheit tatsächlich gehapert. Es ist also ein kleiner Schritt mit einer doch erheblichen Wirkung.

Das Zweite ist: Wir brauchen tatsächlich auch Veränderungen in der Kirchenorganisation. Dass das nicht von einem Tag zum anderen geht, ist allerdings bei einer Institution, die doch schon 2000 Jahre auf dem Buckel hat, auch klar.

DOMRADIO.DE: Stichpunkt kirchliches Verwaltungsgericht. Es gibt immer wieder Leute, die sagen: "Wir haben doch Gesetze, die für alle gelten. Da ist das Vertuschen einer Straftat auch eine Straftat. Das sollte für die Kirche auch gelten". Warum braucht man dann extra nochmal ein kirchliches Verwaltungsgericht?

Hemel: Weil die Kirche eine große Organisation ist, bei der es auch interne Verwaltungsakte gibt. Und weil da unterschiedliche Perspektiven eine Rolle spielen, ist es gut, wenn ein unabhängiges Gericht diese Perspektiven im Rahmen der geltenden Normen klärt. Das ist keine Sondergerichtsbarkeit abseits der staatlichen Gerichte und der Strafrechtsfragen. Das ist in der Zwischenzeit Gott sei Dank völlig unumstritten. Sondern es geht hier um eine zusätzliche Sicherheit, wobei man sagen kann: Was tun wir, wenn wir uns durch das kirchliche Verwaltungshandeln tatsächlich bedrückt fühlen?

Aber viel wichtiger ist mir an der Stelle die Klarheit und Transparenz der Wortmeldungen. Es gibt Bischöfe, die tatsächlich die Leitlinien der Bischofskonferenz nicht umsetzen. Interessanterweise geht die Transparenz bisher nicht so weit zu sagen, dass es Bischof A, B oder C ist. Ich finde aber, wenn ein Bischof aus einer solchen Linie ausschert, dann soll er doch auch in der Lage sein, die Gründe dafür zu nennen. Denn das schafft sonst weiteres Misstrauen in unserer Kirche und in unserer Gesellschaft.

DOMRADIO.DE: Sie fordern auch einen anderen Umgang mit den Opfern bezüglich Entschädigung und Begleitung. Wie genau stellen Sie sich den denn vor?

Hemel: Erstmal ist die Einteilung der Welt in Täter und Opfer immer schon auch eine Zuschreibung. Das zweite ist: Jeder Mensch, der so etwas erfahren hat, hat ein Leiden, das teilweise über Jahre geht. Und das Allererste, was solche Menschen und was wir alle möchten, wenn wir von Unrecht betroffen sind, ist, dass jemand das Unrecht wahrnimmt. Das heißt, überhaupt mit den Menschen von Angesicht zu Angesicht zu sprechen und zuzuhören, wie sie ihre Geschichte erzählen und sich diesem Leid aussetzen.

Das ist die erste Maßnahme. Die setzt aber auch ein hohes Maß an persönlicher Kompetenz und auch an Gesprächsführung und Seelsorgekompetenz voraus. Das ist oft nicht gegeben. Es nützt ja gar nichts, wenn Opfer zuerst Opfer der Taten werden und dann Opfer der Verhältnisse, weil jeder über sie spricht, aber niemand mit ihnen spricht.

Dieses Sprechen mit den Menschen ist, glaube ich, das allererste Thema. Geld ist ein völlig anderes Thema, was das Sprechen in keiner Art und Weise aufwiegen kann.

DOMRADIO.DE: Sie sagen, es sei wichtig für die Menschen, für die Gläubigen, dass jetzt schnell konkrete Schritte erkennbar sind. Was heißt schnell?

Hemel: Jeder Bischof hat ja doch eine sehr hohe Gestaltungsmacht in seinem Bistum. Er hat die Freiheit, sich mit Personen seines Vertrauens zu umgeben. Er hat auch die Freiheit, Strukturen in seinem Bistum zu verändern. Ich denke schon, dass hier die modernen Forderungen nach guter Organisationsführung, nach Fairness und nach Transparenz noch einmal ganz neu gelernt werden müssen. Ich finde es schade, dass ausgerechnet in unserer Kirche die Höhe der Zeit in diesen Dingen noch nicht erreicht ist.

DOMRADIO.DE: Da laden Sie die Bischöfe ja auch ganz ausdrücklich ein, sich von den Unternehmen etwas abzugucken. Was genau?

Hemel: Wir haben weltweit einen großen Trend in Richtung der Werte Fairness, Transparenz und gute Organisationsführung. Diese Regeln können Sie überall nachlesen. Und wenn diese Regeln später auch für die Kirche gelten, dann haben wir gerade mal einen Gleichstand mit den gut geführten Unternehmen dieser Welt erreicht.

Es gibt selbstverständlich auch schlecht geführte Unternehmen und Unternehmen, die moralisch fragwürdig handeln. Da muss man gar nicht drum rum reden. Aber an der Stelle brauchen wir einen Nachhol- und Aufholprozess in der Kirche, um einen modernen Standard der Organisationsführung zu erreichen.

Damit ist nichts gesagt über irgendwelche theologischen und dogmatischen Fragen, sondern lediglich zur Art und Weise, wie wir mit Entscheidungen, mit Macht und mit Geld umgehen.

DOMRADIO.DE: Wie optimistisch sind Sie, dass das alles bald umgesetzt wird?

Hemel: Sie brauchen in der Kirche immer einen langen Atem. Aber manchmal gibt es ja auch die Überraschung durch den Heiligen Geist. Denken Sie an das Zweite Vatikanische Konzil.

Mir ist es grundsätzlich um die Zukunft der Kirche nicht bange. Insofern möchte ich zumindest nicht ausschließen, dass es auch relativ schnell eine Veränderung gibt. Denn ich erfahre ja in den Gesprächen auch mit Bischöfen doch echte Nachdenklichkeit. Es sind ja keine Menschen, die irgendjemandem etwas Böses möchten, sondern sie sind in Situationen gekommen, für die sie nicht gut vorbereitet waren und in denen sie sich vielleicht auch nicht in der idealen Art und Weise verhalten haben. Aber es sind Menschen und Menschen sind lernfähig.

Deswegen bin ich überzeugt davon, dass es auch relativ schnell gute und sinnvolle Änderungen in unserer Kirche geben kann.

Das Interview führte Heike Sicconi.

(DR)

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