Rainer Maria Kardinal Woelki
Rainer Maria Kardinal Woelki

21.02.2018

Kardinal Woelki über Kirche, Wissenschaft und Kultur "Der Ort der Theologie ist die Universität"

Bei ihrer Vollversammlung haben die katholischen Bischöfe den Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki zum Vorsitzenden der Wissenschafts-Kommission gewählt. Im Interview sagt Woelki, wofür er sich in seiner neuen Rolle einsetzen will.

KNA: Die Vollversammlung der deutschen Bischöfe hat Sie zum Vorsitzenden der Kommission für Wissenschaft und Kultur der Deutschen Bischofskonferenz gewählt. Was bedeutet das für Sie?

Rainer Maria Kardinal Woelki (Erzbischof von Köln): Das ist eine sehr wichtige Kommission in der Deutschen Bischofskonferenz. Kirche und Kultur, Kirche und Wissenschaft, das ist seit vielen Jahrhunderten eine virulente Thematik, die angesichts unserer derzeitigen gesellschaftlichen Situation in Deutschland erneut Relevanz bekommt. Die Universitäten in Europa sind im kirchlichen Kontext entstanden. Und es ist wichtig, dass auch heute der Dialog zwischen Kirche und Wissenschaft, aber auch zwischen Kirche und Kunst gepflegt wird. Im universitären Bereich gilt das insbesondere für den Dialog mit den Naturwissenschaften. Je tiefer wir in den einzelnen Disziplinen die Welt erforschen, umso mehr erfahren wir etwas über die inneren Zusammenhänge der Welt und damit vom Reichtum der Schöpfung. Deshalb ist es notwendig, dass der Austausch darüber hinaus auch zu anderen gesellschafts- und sozialpolitisch wichtigen Disziplinen gepflegt wird.

KNA: Der Dialog der Theologie mit den anderen Wissenschaften ist derzeit in Berlin ein großes Thema. Wird die ab jetzt von Ihnen geleitete Kommission da neue Akzente setzen können?

Woelki: Es ist gerade in Berlin wichtig, dass die Theologie dort präsent ist. Die Präsenz der Theologie an der Universität Berlin wäre ein gutes Zeichen, denn Berlin ist nicht nur die Hauptstadt, sondern eine Weltstadt der Wissenschaften, mit exzellenten Universitäten und herausragenden Hochschullehrern und rund 180.000 Studierenden. Und da denke ich, dass die neue Entwicklung, die sich dort abzeichnet, die katholische Theologie an der Humboldt-Universität zu installieren, eine sehr gute Sache ist, die zeigt: Der Ort der Theologie ist die Universität. Und ich verspreche mir davon, dass die katholische Theologie im universitären Diskurs eine neue und deutlich hörbare Stimme erhält.

KNA: Meinen Sie, dass die Theologie im 21. Jahrhundert überhaupt noch als Wissenschaft ernst genommen wird?

Woelki: Ich habe den Eindruck, dass sich angesichts dessen, was durch Naturwissenschaft und Medizin möglich wird, die Frage nach einer Letztbegründung dessen, was ethisch verantwortbar ist, immer dringender stellt und bin davon überzeugt, dass die Theologie auch in diesem Jahrhundert wahrgenommen werden kann als eine zentrale Größe im Bereich der Geisteswissenschaften, aber auch für den Dialog mit den Naturwissenschaften: Denn die Frage nach dem Woher und Wohin des Menschen, die Frage nach dem gesellschaftlichen Zusammenhalt und der Diskurs über die Werte aber auch nach dem Gesamten des Seins wird ja keineswegs unwichtig. Und auch die Frage nach der Verantwortung der Wissenschaft, nach der Ethik auch und gerade im Bereich der Naturwissenschaft, geht ja keineswegs zurück.

KNA: Welche Rolle spielt dabei die Katholische Universität?

Woelki: Die Katholische Universität Eichstätt spielt dabei eine enorm wichtige Rolle. Sie versucht schon seit Jahren, institutionell das zu verwirklichen, was Papst Franziskus in seiner neuen Apostolischen Konstitution "Veritatis gaudium" fordert, nämlich den Dialog der Theologie mit den verschiedenen Wissenschaften an den anderen Fakultäten beständig zu vertiefen und im besten Falle in interdisziplinären und qualifizierten Leistungszentren gemeinsam zu forschen.

KNA: Mehr Präsenz im Dialog der Wissenschaften erfordert mitunter auch mehr Geld. Was wollen Sie da für die Katholische Universität durchsetzen?

Woelki: Zunächst mal muss man feststellen, dass die Katholische Universität in Eichstätt zu 85 Prozent durch den Freistaat Bayern refinanziert wird, den Rest tragen derzeit zu einem Großteil die bayerischen Diözesen. Nun wird man sehen müssen, wie sich diese Universität in den kommenden Jahren entwickelt. Es gab da ja schon mancherlei Kooperationsprojekte. Es gab auch schon mal die Idee, in Berlin oder an anderen Orten einen externen Campus von Eichstätt zu errichten. Ich könnte mir vorstellen, dass sich das in den kommenden Jahren weiter entwickelt. Und ich glaube, dass alle katholischen Bischöfe in Deutschland ein Interesse daran haben, dass sich diese Universität weiter profiliert und dass die katholische Kirche damit eine wahrnehmbare und ernst zu nehmende Stimme in den wissenschaftlichen Debatten wird. Dazu gehört auch die Frage der Transzendenz, also die Frage nach dem, was den Menschen ausmacht, was das Besondere an ihm ist und was alle Einzelerkenntnisse der Wissenschaften wieder bündelt. Diese Frage ist nicht nur ein Thema der Kirche sondern nimmt auch in der Kunst eine zentrale Rolle ein.

Die Tatsache, dass der Mensch in der Lage ist, sich selbst und seine materielle Existenz auf etwas zu transzendieren, das größer ist als er selbst, ist ein Thema, dass nicht nur die Theologie beschäftigt, zu dem aber die Theologie ganz besondere Antworten geben kann. Und das spielt dann auch bei der Frage nach ethischen Normen und ihren Letztbegründungen eine wichtige Rolle.

Das Interview führte Ludwig Ring-Eifel.

(KNA, DR)

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