Katholische Bischöfe besuchen eine Schülergruppe in Beit Dschallah
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Weihbischof Bentz am Grenzstein des Gazastreifens
Weihbischof Bentz am Grenzstein des Gazastreifens

16.01.2018

Weihbischof Bentz zur Situation der Christen im Heiligen Land "Ein Ausbluten auf verschiedenen Ebenen"

Der Mainzer Weihbischof Udo Bentz ist gemeinsam mit Bischöfen aus aller Welt unterwegs im Heiligen Land. Eindrücklich schildert er Erlebnisse aus den dortigen christlichen Gemeinden - Angst und Elend, aber auch Hoffnung und Freude. 

DOMRADIO.DE: Sie sind mit Bischöfen aus aller Welt seit dem Wochenende unterwegs in Israel und den Palästinensergebieten, waren unter anderem schon im Gazastreifen. Welches Bild der Lage im Land bekommen Sie?

Udo Bentz (Weihbischof von Mainz): Für mich war es das erste Mal, dass ich im Gazastreifen war. Von daher waren das natürlich ganz besonders eindrückliche Geschehnisse. Ich habe keinen Vergleich zu dem, wie es vorher war. Aber die Bischöfe, die mit mir hier unterwegs sind, haben meine Wahrnehmung geteilt. Es ist auf der einen Seite äußerst bedrückend, zu sehen, welche Hürden man überwinden muss, um überhaupt zu den Menschen im Gazastreifen zu kommen.

Dann waren wir in der Pfarrei, haben mit den Menschen Gottesdienst gefeiert und sind danach mit Jugendlichen zusammenkommen. Da gibt es inmitten der Not und inmitten des ganz konkreten alltäglichen Elends, das die Menschen dort erleben, unglaublich viel Freude, zum Beispiel in der Liturgie. Das hat mich berührt: Auf der einen Seite die bedrückende Situation zu erleben, auf der anderen Seite, wie Menschen doch Hoffnung haben und sich freuen.

Das Gespräch mit den Jugendlichen hat mir dann auch gezeigt, wie wichtig es für die Christen ist, dass wir da sind, dass wir kommen, dass wir Präsenz zeigen. Wichtig ist, dass wir zeigen, dass Solidarität nicht einfach nur etwas Abstraktes ist, sondern dass wir den jungen Menschen begegnen wollen, das Gespräch suchen. Das ist für die Christen hier ein ganz, ganz wichtiges Zeichen.

DOMRADIO.DE: Seit US-Präsident Donald Trump Jerusalem als Hauptstadt Israels anerkannt hat, sprechen Experten von einem Tiefpunkt des Verhältnisses zwischen Israel und den Palästinensern - unter anderem der Generaldirektor des lateinischen Patriarchats von Jerusalem. Wie ist Ihr Eindruck? Bekommt man von diesem Konflikt etwas mit?

Bentz: Im öffentlichen Leben bekommt man davon derzeit wenig mit. In den Gesprächen, die wir führen, wird aber deutlich: Das ist das Thema Nummer Eins. Wir haben mit unserer Reise einen Schwerpunkt gesetzt und treffen uns vor allen Dingen mit Studenten, mit Schülern, mit der jungen Generation. Wir wollen mit ihnen ins Gespräch kommen, wollen wissen, was sie bedrängt und bedrückt.

Natürlich ist da die Wahrnehmung ganz unterschiedlich: Wir waren mit Studenten der hebräischen Universität zusammen, wir waren heute auf einer israelischen High School, aber wir waren eben auch auf einer Highschool palästinensischer Jugendlicher. Das hat mich im Nachhinein sehr beschäftigt: Beide Seiten haben gleiche Hoffnungen - die israelischen wie die palästinensischen Jugendlichen. Beide haben vergleichbare Visionen, was sie aus ihrem Leben machen wollen. Aber wie unterschiedlich sind die Rahmenbedingungen dafür, das, was ich als Vision in mir trage, auch umsetzen zun können.

Das ist schon etwas Bedrückendes, dass palästinenesische Jugendliche sagen: "Die Situation wird immer schwieriger. Ich weiß gar nicht, ob ich hier eine Familie gründen kann. Ich weiß gar nicht, ob ich irgendetwas von meinem Lebenstraum verwirklichen kann, wenn ich hier bleibe. Aber eigentlich will ich nicht weg." Während israelische Jugendliche voller Enthusiasmus und Optimismus von den Möglichkeiten erzählen können, die sie haben. Dieser Unterschied - das ist etwas, was mich sehr getroffen hat.

domradio.de: Die Christen geraten in der Region ja meistens zwischen die Fronten. Viele von ihnen verlassen das Land, weil sie keine Perspektive sehen. Wie würden Sie das aus den persönlichen Begegnungen heraus einschätzen. Wie geht es den Christen vor Ort? 

Bentz: Wir sind mit christlichen und muslimischen Palästinensern zusammengekommen. Und in dieser Hinsicht haben beide Jugendlichen-Gruppen ähnliche Situationen zu verkraften. Christen spüren, dass sie eine Minderheit sind, die in der öffenlichen Wahrnehmung verschwindet. Und der Wegzug von christlichen Familien ist ja nicht nur ein nummerischer Wert. Es sind nicht nur zahlenmäßig in Gaza jedes Jahr weniger Christen. Da gehen ja auch Christen weg, die wichtig sind für die Gemeinschaft, die wichtig sind für das Miteinander der Christen in der Pfarrei, die sozusagen Kulturträger sind, die auch Stärken mitbringen. Also, es ist ein Ausbluten - wenn ich das so sagen darf - auf verschiedenen Ebene. Das ist schon bedrückend. 

Das Interview führte Renardo Schlegelmilch.

(DR)

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