Bischöfe in der Edith-Stein-Kapelle
Bischöfe in der Edith-Stein-Kapelle
Bischof Franz-Josef Overbeck während einer Rede
Bischof Franz-Josef Overbeck während einer Rede

07.03.2017

Das Tagebuch von der Vollversammlung der Bischofskonferenz Bischöfliche Nachtarbeiter und Frühaufsteher

Wie man mit Speck Mäuse fängt und wie man himmlische Stille hört: domradio.de-Chefredakteur Ingo Brüggenjürgen war auch am ersten Arbeitstag der Vollversammlung der Bischofskonferenz in Bensberg von früh bis spät auf Tuchfühlung mit den Bischöfen.

Bischöfe sind in der Regel Frühaufsteher. Draußen ist der Sonnenaufgang bestenfalls zu erahnen, da dringt aus den Zimmern der meisten Bischöfe schon helles Licht, das die Bensberger Nacht erhellt. Auch wenn man am ersten Tag der Frühjahrsvollversammlung am Montagabend im Kölner Dom noch gemeinsam Gottesdienst gefeiert hat, beginnt der lange zweiten Konferenztag mit einer gemeinsamen Frühmesse in der Hauskapelle des Kardinal-Schulte-Hauses. Nach und nach füllt sich die achteckige Kapelle, die der Heiligen Edith Stein geweiht ist.

Domzeremoniar Tobias Hopmann, der im Dom noch die richtigen Laufwege für gefühlte Hundertschaften von Klerikern dirigierte, hat nun mit nur wenigen Handgriffen im kleinen Gotteshaus alles im Griff.  Zu den Bischöfen gesellen sich auch einige Mitarbeiter und Gemeindeglieder der St. Nikolausgemeinde, die hier in Bensberg zuhause sind und jetzt unkompliziert auf Tuchfühlung mit ihren Bischöfen gehen können.

Probleme mit den Basstönen

Der Toningenieur, der den Sound aus der Kapelle für die Medien mischt, hat Probleme mit den lauten Basstönen, denn die Männer sind dieses Mal naturgemäß lautstark in der Überzahl. Eine ungewohnte Erfahrung, denn normalerweise geben sonst in den werktäglichen Frühmessen in den katholischen Gemeinden stets die Frauen den Ton an.

Heute ist der Gastgeber Kardinal Woelki an der Reihe. Am Vorabend im Dom hatte er seine Kathedra - seinen Bischofsstuhl - noch seinem Mitbruder Reinhard Kardinal Marx Platz freigemacht - heute leitet er die Liturgie und predigt eindringlich. Welch ein Kontrastprogramm: Gestern ein Kardinal Marx, der sich mitten vor dem Altar im Hohen Dom aufbaute (im Kölner Dom wird für gewöhnlich von der Kanzel oder vom Ambo aus gepredigt) und in freier, wortgewaltiger Rede der Kirche und dem Evangelium eine Stimme gab. Und heute früh Kardinal Woelki, der mit Manuskript und leisen, gut bedachten Tönen das Ohr der versammelten Gottesdienstgemeinde ganz anders erreicht. Im bischöflichen Weinberg des Herrn gibt es viele bewährte Arbeiter und - wie man hört und sieht - viele, ganz unterschiedliche Talente.

Fake-News als Aufhänger

Woelki hat als Aufhänger die Fake-News gewählt. Selber ist er gerade in der letzten Woche erst mit einem gefälschten Twitter-Account, der unautorisiert in seinem Namen menschenverachtende News in die Welt twitterte, konfrontiert worden. Aber heute geht es dem Kölner Kardinal um die wahrhaftige Kommunikation und das Gespräch mit Gott. Selbstkritisch fragt er an, ob die zahlreichen Predigten, Grußworte, Lehrschreiben, Hirtenworte und Videobotschaften der Kirche heute überhaupt noch einen Empfänger erreichen würden? Ob die eigenen Gebete nicht manchmal auch das unerwünschte, heidengleiche Geplapper wären?

Woelki lädt dazu ein, Gott Raum zu geben, das Herz zu öffnen, um auch Gottes "lautloses Reden" zu hören. Dass seine Worte zumindest hier und jetzt die gewünschte Wirkung erreichten, dokumentierte die wunderbare Stille nach der Kommunionausteilung. In der dichtgefüllten Kapelle konnte man da schon die himmlische Stille hören - mit wirklich gespitzten Ohren höchstens noch das leise Gebläse der kleinen Orgel.  Umso lautstärker stimmten die Bischöfe dann das Schlusslied an: "Lass uns in Deinem Namen oh Herr, die nötigen Schritte tun…!"

Knochentrockenes Abarbeiten 

Erstmal führen die nötigen Schritte in den Frühstücksraum ans reichhaltige Buffet, denn auch der bischöfliche Magen lebt nicht vom himmlischen Manna allein. Danach ist knochentrockenes Abarbeiten der einzelnen Sitzungspunkte angesagt. Kommissionen müssen nachbesetzt werden und auch der überdiözesane Kollektenplan auf der langen Tagesordnung klingt nicht so, als ob er die Oberhirten wirklich vom Hocker reißen würde.

Dass die Kirche aber auch im Hier und Heute etwas zu sagen hat, wird dann in der Pressekonferenz am Mittag deutlich: Der Essener Bischof Overbeck, in der Bischofskonferenz zuständig für die gesellschaftlichen und sozialen Fragen, erklärt anschaulich, wo das Vertrauen in der Bevölkerung immer mehr fehlt: gerade in punkto soziale Gerechtigkeit fühlten sich viel mehr Menschen als früher ungerecht behandelt.

Und auch das Thema Sicherheit koste Vertrauen - ganz egal ob sich die Menschen von Terror oder Flüchtlingen bedroht fühlten. Den "Zukurzgekommenen" will die Kirche mehr zuhören und eine Stimme geben. Caritas-Präsident Neher hakt hier direkt ein: Er fordert eine Anhebung des Spitzensteuersatzes und einen höheren Regelbedarf für die Bedürftigen, den seine Caritas auch schon berechnet hat. Ungewohnt deutlich spricht Neher auch an, dass es immer wieder vorkomme, dass ehrenamtliche oder hauptberufliche Mitarbeiter der Caritas beleidigt oder beschimpft werden, wenn sie sich für Asylsuchende einsetzen. Manche Mitarbeiter trauten sich heute nicht einmal mehr, offen über ihre engagierte Flüchtlingsarbeit zu sprechen.  Auch in den sozialen Netzwerken sei das verstärkt zu beobachten.

Kritik an Ungarn

Womit wir wieder bei den Fake-News wären, die der Kölner Kardinal schon am Morgen beklagt hatte. Woelki, früher selbst erster Mann bei der Caritas, wird trotzdem nicht müde, seine Stimme für Notleidende zu erheben. Vor laufender Kamera kritisiert er am Rande der Konferenz die Entscheidung des ungarischen Parlaments, Flüchtlinge unmenschlich direkt an der Grenze hinter Stacheldraht festzusetzen. Am Abend könnte er sich bei NTV oder Bibel-TV damit in den Nachrichten wiedersehen, aber der Kölner Kardinal hat Besseres zu tun. Er hat die versammelten Journalisten zu einem Medienempfang eingeladen. Dort will er von seinen Erfahrungen kirchlicher Hilfsprojekte in Jordanien und im Libanon berichten. Das Elend, das er dort mit eigenen Augen gesehen hat, möchte er mehr publik machen. Vielleicht kann er bei einem warmen Essen auch das Herz des ein oder anderen Medienvertreters erwärmen?

Mit Speck fängt man Mäuse und mit einem wichtigen Thema begeistert man vielleicht auch die Journalisten, die sich den ganzen Tag mit Ihre Mäusen und Tastaturen bemühen, Kirche, Welt und Bischöfe medial ins richtige Licht zu rücken. Als diese Zeilen geschrieben wurden, brannte auch in manchen Gästezimmern der Bischöfe oben auf dem Bensberg noch Licht. Bischöfe sind offenbar bisweilen auch Nachtarbeiter.

 

(DR)

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