Es war nicht immer einfach - Heilige auf Instagram
Es war nicht immer einfach - Heilige auf Instagram
Tobias Sauer
Tobias Sauer
Illustration der Heiligen Hildegard von Bingen
Illustration der Heiligen Hildegard von Bingen
Illustration von Maria Magdalena
Illustration von Maria Magdalena

15.12.2020

Heilige auf Instagram Königin und Drachentöter

Nikolaus, Lucia, Teresa von Ávila: Die Kirche kennt viele Heilige und ihre Geschichten seit Jahrhunderten. Sind sie überhaupt noch zeitgemäß? Theologe Tobias Sauer ist davon überzeugt und geht auf Instagram den Geschichten zwischen den Zeilen nach.

DOMRADIO.DE: Sind Heiligengeschichten nicht langsam ein alter Hut?

Tobias Sauer (Theologe, Autor): Wenn man sich die klassischen Heiligengeschichten in den Sammelbänden durchliest, haben sie irgendwie alle genügend gebetet, wurden von Gott erleuchtet und haben dann ein seliges Leben geführt. Manchmal haben wir auch so Abstrusitäten wie Drachenkämpfe oder so drin. Da gibt es viel rauszuholen.

DOMRADIO.DE: Was macht einen Heiligen aus?

Sauer: Das ist unterschiedlich, ob sie männlich oder weiblich sind. Prinzipiell beginnen die meisten Heiligengeschichten mit "kam aus einem guten Elternhaus". Dann ist natürlich das Ende ihres Lebens wichtig. Lange Zeit war es so, dass sie einen Märtyrertod sterben mussten, damit sie heilig werden.

Wenn sie männlich sind, ist ein guter Garant für "heilig", dass sie reich waren und gesagt haben, ich schmeiße alles weg und werde arm. Wenn sie weiblich sind, ist ein guter Garant für das Heiligtum, dass sie sich gegen die Ehe und für ein selbstbestimmtes Leben entschieden haben. Das heißt in der damaligen Zeit, sie sind Ordensschwestern geworden oder sie waren erst Königin und sind dann Ordensschwester geworden.

DOMRADIO.DE: Das sind ja eher Äußerlichkeiten. Gibt es einen inneren Leitfaden, einen roten Faden, der sich durch die Heiligengeschichten zieht, die Sie porträtiert haben?

Sauer: Das ist das Spannende an dem Projekt, was wir machen. Wir porträtieren die Heiligen und wir haben dabei einen demystifizierenden Ansatz. Also die Tatsache, dass irgendjemand eine Vision oder Audition hat und dann sagt, jetzt krempele ich mein Leben um, das ist schwer nachzuweisen. Zu gucken, was ist in deren Leben eigentlich passiert, dass sie zu diesem Schluss gekommen sind, das halte ich für wichtig.

Ein roter Faden ist, dass die Menschen für sich selber eingestanden sind und für die Träume, die sie hatten. Fast alle in den Heiligengeschichten haben gegen Widerstände angekämpft. Was auch sehr interessant ist, auch kirchenpolitisch, dass viele Heiligen sich darauf rekurriert haben, dass Kirche bei den Armen mit den Armen leben muss und sich ganz viele schon vor Martin Luther daran gestört haben, dass Kirche viel mit Reichtum agiert und Arme für sie abstrakt geworden sind.

DOMRADIO.DE: Sie haben gesagt, Sie wollen das mit Ihrem Ansatz ein bisschen demystifizieren. Wie sieht Ihr Ansatz aus?

Sauer: Wir lesen uns die Heiligengeschichten durch und schauen auf alles, was wir finden können. Ich nehme die Vorlage der Heiligen als das, was sie sind: Legenden und Geschichten. Das sind keine faktischen Biografien. Ich versuche die Leerstellen zu füllen. Oft sind es nur kleine Nebensätze.

Aktuelles Beispiel: Der Heilige Nikolaus. Es steht immer nur in Nebensätzen, dass er damals den Leuten Gold geschenkt hat, damit die Töchter nicht zur Prostitution gezwungen werden. Bei uns sind solche Stellen ein bisschen größer aufgezogen, weil es interessant ist zu sagen: Guck mal, da war jemand, der übrigens noch kein Bischof war, der ist irgendwie mit Hoodie und Dietrich losgegangen, ist eingebrochen in die Häuser, hat da Mitgift hinterlassen, weil es damals üblich war, dass Töchter, die nicht genügend Mitgift hatten, erst anschaffen mussten, um dann verheiratet zu werden. Also quasi eine doppelte Zwangslage. Da zeigt sich für mich die Qualität von Heiligen.

DOMRADIO.DE: Sie machen das ja nicht nur in einem Buch, das Sie veröffentlicht haben, sondern auch auf einem Instagram-Account der "Es war nicht immer einfach" heißt. Woher kommt der Name?

Sauer: Ich würde sagen, das ist die Essenz des Heiligseins. Wenn wir ganz allgemein an Heilige denken, ist oft damit assoziiert: Das sind besonders tolle Menschen. Ich bin kein Heiliger, sagt man ganz oft. Dann schaut man sich an, was Heilige sind und da muss man sagen, gut, das war nicht immer einfach. Das ist nicht dieses blühende Bekehrungserlebnis, an das sie gekommen sind, sondern das war anspruchsvoll, das war gegen Widerstände, das war nicht der gerade Weg, der gezogen worden ist. Das war oft auch ein Ringen mit Gott und dem Göttlichen.

Hildegard von Bingen, Teresa von Ávila und Jeanne D'Arc beschreiben alle, dass sie irgendeine Art von Stimmen gehört haben. Niemand hat denen natürlich geglaubt, dass da was ist, das sie leitet oder ein Bedürfnis. Hildegard von Bingen hat wahrscheinlich auch so theologisches Fachwissen gehabt. Aber erst ab dem Moment, wo sie gesagt hat, ich habe Visionen, wurde sie ernst genommen, weil es für die damalige Zeit viel, viel glaubwürdiger war, dass man Visionen hatte, als dass eine Frau selber theologisch denken kann. Und das ist alles umfasst mit "Es war nicht immer einfach".

DOMRADIO.DE: In Ihrem Buch und auf dem Instagram-Account sind auch Illustrationen zu sehen. Bei jedem Heiligen und jeder Heiligen fehlen die Augen. Warum?

Sauer: Unsere Illustratorin Tiffany Maassen macht unglaublich schöne Arbeit und hat, glaube ich, auch einen großen Anteil daran, dass dieser Instagramaccount überhaupt so hübsch ist und so gut funktioniert. Bei uns fehlen die Augen, wir haben uns bewusst dafür entschieden, weil ich glaube, es ist eine zeitgemäße Art und Weise der Ikonographie. Bei den Heiligen ging es nie darum eine Biografie abzusetzen. Es geht meines Erachtens nicht darum zu sagen, guck mal, so war genau das Leben und dann machen wir eine Imitation daraus.

Heilige sind die weiterführenden Geschichten der Bibel die zeigen, dass Gott immer noch im Leben der Menschen wirkt. Das ist der entscheidende Ausdruck im Heiligtum. Es geht bei Heiligenverehrung, meine ich, nicht um die Person, sondern um die Geschichte. Um das ein bisschen abstrakter zu machen, um eine Projektionsfläche darauf zu setzen und zu sagen, ich kenne das aus meinem Leben und ich höre auch mal in meinem Leben, wo es nicht einfach ist und wo Gott vielleicht auch spürbar ist.

Sie sind ja nicht gesichtslos, aber sie sind augenlos. Das, finde ich, gibt die Möglichkeit zu hinterfragen, bin ich das oder ist das jemand anderes? Ist das vielleicht auch meine Geschichte? Wie wird nachher meine Geschichte erzählt werden?

Das Interview führte Gerald Mayer.

(DR)

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