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Adam und Eva im Paradies
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06.09.2019

Wissenschaftler untersucht Fake News in der Bibel Von Äpfeln, Prostituierten und sprechenden Schlangen

Wie viel Wahrheit steckt in der Bibel? Hat Eva wirklich mit einer Schlange gesprochen, gab es Ochs und Esel in der Krippe und Maria Magdalena? Simone Paganini hat die Bibel einem Faktencheck unterzogen und Erstaunliches herausgefunden.

DOMRADIO.DE: Wie wahr und wörtlich zu nehmen ist das, was in der Bibel steht - darüber streiten sich Theologen, Kirchenleute und Bibelforscher eigentlich schon immer. Hat Sie unser aktueller Umgang mit Nachrichten dazu inspiriert, sich auf Fake News-Suche in der Bibel zu begeben?

Prof. Dr. Simone Paganini (Theologe und Bibelwissenschaftler): Ja, in der Tat. Das war die erste Idee. Ich wollte mir anschauen, wie in der Antike Inhalte vermittelt wurden. Und da ich Bibelwissenschaftler bin, habe ich mir gedacht, ich kann die Bibel untersuchen. Im Laufe der Forschung und Überlegungen ist dann aber etwas ganz anderes herausgekommen als das, was ich ursprünglich machen wollte.

DOMRADIO.DE: Sie unterscheiden im Buch zunächst zwischen verschiedenen Formen von Fake News. Dann konzentrieren Sie sich auf das, was Sie die "irrealen Fake News" nennen. Das müssen Sie mal erklären.

Paganini: Je länger ich die biblischen Texte untersucht habe, umso mehr habe ich bemerkt, dass es nicht nur eine Sorte von Fake News gibt, sondern ganz unterschiedliche. Ich versuche das mit einem Beispiel zu verdeutlichen: Wir alle kennen die Geschichte von Adam und Eva. Adam und Eva sind ein Paar und aus diesem Paar - das erzählt die Bibel - entwickelt sich die ganze Menschheit. Wenn wir heute den Text lesen, haben wir es mit einer Fake News zu tun. Es ist aber eine legitime Fake News, denn die antiken Autoren gehen davon aus, dass die Geschichte wahr ist und aus einem Paar die ganze Menschheit entstanden ist. Anders als wir heute, weil wir unsere wissenschaftlichen Standards verbessert haben. Diese Fake News ist also legitim.

Die Geschichte geht aber weiter. Adam und Eva kommen mit einer Schlange ins Gespräch. Jetzt haben wir eine Schlange, die spricht. Man kann davon ausgehen, dass die antiken Autoren bzw. Autorinnen sehr wohl gewusst haben, dass Schlangen wie andere Tiere nicht sprechen können. In diesem Fall haben wir es mit daher mit einer echten und absichtlichen Fake News zu tun. Es wurde nicht versucht, den Leser zu täuschen, aber es wird mit etwas gearbeitet, das nicht existiert. 

Das Fake vom Fake, also die höchste Stufe von Fake News, folgt kurz darauf: Nachdem Eva mit der Schlange geredet hat, isst sie einen Apfel. Das ist das, was man normalerweise denkt. Wenn man sich aber den biblischen Text anschaut, findet man diesen Apfel nicht. Das heißt, der Apfel im biblischen Text ist ein Fake. Es ist ein so starker Fake, dass es nicht einmal im Text vorkommt, nur allgemein von einer Frucht die Rede ist. Genau um solche Fakes geht es in meinem Buch. Das heißt, um als wahr angenommene Fakten, die aber gar nicht in den biblischen Texten stehen.

DOMRADIO.DE: Tatsächlich wird Eva auf Bildern immer wieder mit einem Apfel dargestellt. Dieser Mythos hat sich in unseren Köpfen festgesetzt. Haben Sie noch ein Beispiel?

Paganini: Ja, im Buch untersuche ich - ohne einen Spoiler machen zu wollen - Fake News sowohl im Alten als auch im Neuen Testament. Im Neuen Testament beschäftige ich mich zunächst einmal mit Ochs und Esel in der Krippe. Ein weiterer Bestseller ist Maria Magdalena, die als Hure dargestellt wird. Die Prostituierte Maria Magdalena gibt es aber nicht, egal wie aufmerksam wir die Evangelien lesen. Sie ist eine Figur, die im Laufe der Geschichte aus der Vermischung von vier bzw. fünf unterschiedlichen Charakteren entstanden ist. In den Evangelien gibt es mehrere Maria Magdalenas, etwa Maria, die Schwester von Lazarus oder die unbekannte Schuldnerin, die Jesus die Füße wäscht. Es gibt auch eine unbekannte Kriegerin, die immer wieder als Maria Magdalena identifiziert wird.

Die Prostituierte Maria Magdalena indes ist eine Erfindung aus dem dritten Jahrhundert. Sie bezieht sich auf eine nicht-biblische Gestalt, auf eine ägyptische Prostituierte, die zu einer Einsiedlerin in der Wüste wurde. Da sehen wir, wie Fake News im Laufe der Geschichte und der Wirkungsgeschichte der Texte entstanden sind. Eine ganz spannende Sache.

DOMRADIO.DE: In Ihrem Buch listen Sie weitere Beispiele auf. Was heißt das für unser Bibelverständnis - können wir gar nichts mehr glauben, was in der Bibel steht?

Paganini: Das ist eine sehr interessante Frage und nicht auf die Schnelle zu beantworten. Ich versuche zwei, drei Punkte herauszugreifen. Zunächst einmal, die Bibelwissenschaftler und im Prinzip auch der durchschnittliche Gläubige wissen: In der Bibel geht es nicht nur um historische, naturwissenschaftliche Wahrheiten. Das muss uns ganz klar bewusst sein. Die Texte sind zum Teil sehr alt, und die Autoren und die Autorinnen gehen mit dem Wissen ihrer Zeit damit um. Das heißt, die Bibel bildet keine Wahrheit in dem Sinne von "es ist wirklich passiert" ab.

Die biblischen Texte sind extrem komplexe Gebilde, die eine eigenständige Entwicklungsgeschichte haben. Und trotzdem würde ich sagen, kann man daran glauben. Zunächst einmal als historische Quelle. Selbstverständlich erzählt die Geschichte von Adam und Eva nicht die historische Geschichte, wie die Menschheit entstanden ist. Aber dieser Text ist eine Quelle dafür, was Menschen nach dem Wissensstand der Zeit, in der der Text entstanden ist, geglaubt haben. Das ist das Erste. Das Zweite ist: Es lohnt sich, diese Texte zu lesen, sie immer neu oder anders zu verstehen. Moderne wissenschaftliche Methoden wie Geschichtswissenschaft, Archäologie, Sprach- und Literaturwissenschaft helfen dabei.

Ich möchte mit meinem Buch Leute motivieren, die Bibel zu lesen. Wir haben hier Texte vorliegen, die zum Teil 3.000 Jahre alt sind, und uns dennoch immer wieder Neues entdecken lassen - wenn man sich auf die Texte einlässt und sich frei mit ihnen auseinandersetzt. Das finde ich total schön. Und wenn man die Hintergründe kennt, entsteht auf der Glaubensebene ein Glaube, der reifer ist - das ist zumindest bei mir so.

Das Gespräch führte Hilde Regeniter.

(DR)

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