Papst Benedikt XVI. wird Antisemistimus vorgeworfen – ein Missverständnis, meint Jan-Hendrik Stens
Papst Benedikt XVI. nach seiner letzten Generalaudienz
Papst Benedikt XVI. nach seiner Wahl
Papst Benedikt XVI. nach seiner Wahl

19.04.2020

Was vom Pontifikat Benedikts XVI. bleibt Vom "Panzer-Kardinal" zum "Panzer-Papst"?

Weißer Rauch auf dem Petersplatz, dann verkündet ein Kardinal von der Loggia: „Josephum sanctae romanae ecclesia Cardinalem ... Ratzinger." Der deutsche "Kettenhund" wird Papst. Stefan von Kempis war damals 2005 dabei. 

DOMRADIO.DE: Wie sah das eigentlich vor Ort aus? Wie hat Rom das erlebt?

Stefan von Kempis (Redaktionsleiter der deutschsprachigen Ausgabe von Radio Vatikan): Ich weiß noch, das waren absolut aufgewühlte Tage damals. Man muss auch sehen: Das Pontifikat von Johannes Paul II. war eines der längsten der Geschichte. An ein Konklave konnte sich fast niemand mehr erinnern. Und dann, im April 2005, dieses lange Sterben des polnischen Papstes, an dem die ganze Welt öffentlich Anteil nahm, die Beerdigung mit Millionen von Menschen auf und um den Petersplatz herum. Man war einfach emotional noch sehr aufgewühlt. Es war auch sehr viel Arbeit. Wir hatten damals ein kleines Kind und kamen mit dem Kinderwagen überhaupt nicht aus der Haustür raus, weil da Pilger und Touristen biwakten (lagerten, campierten) auf den Treppenstufen, ganz nah am Vatikan.

Und dann das Konklave: Es merkte schon jeder damals, dass Kardinal Ratzinger eine sehr herausgehobene Stellung hatte und eine sehr schöne Predigt gehalten hatte beim Requiem für den verstorbenen Papst. Darum hatten viele, ich auch, auf ihn gesetzt als neuen Papst. Aber als er es dann wurde, merkte ich doch bei vielen eine Fassungslosigkeit – auch Erschrecken. Ein Fragezeichen. Wie wird jetzt Kardinal Ratzinger, der bisher vielen als so kühl, fast arrogant, erschienen war, das Papstamt ausfüllen können? Es kannte ihn kaum jemand persönlich, als sensiblen, zuhörenden Menschen, der er ja im Gespräch wirklich ist. Also waren wir alle völlig von der Rolle und aufgewühlt an dem Tag des "Habemus Papam".

Wir waren auf dem Petersplatz, erst schien die Sonne, dann wurde es auf einmal bewölkt, dann fing es an, etwas zu regnen, dann hörte der Regen wieder auf. Dann kam der neue Papst auf den Balkon und war genauso unsicher wie die Leute unten. Ich glaube, vor immerhin 300.000 Menschen, die da zusammengeströmt waren. Es war ein Wechselbad der Gefühle, das weiß ich noch.

DOMRADIO.DE: Jetzt gibt es im Nachhinein Gerüchte, dass es einen deutschen Journalisten gegeben hat, der das angeblich alles schon vorher gewusst haben soll. Was weiß man denn da heute über die Hintergründe des Konklave?

von Kempis: Der Zufall wollte es, dass ich mit besagtem deutschem Journalisten zusammen zum Petersplatz gerannt bin, als der weiße Rauch hochkam. Ich kann nur so viel sagen: Dieser besagte deutsche Journalist wirkte auf mich jedenfalls eher noch verwirrter als alle anderen. Darum zweifelte ich auch diese These, dass er vorab schon informiert gewesen sein soll, ein bisschen an. Wenn das nun stimmt, glaube ich trotzdem nicht, dass man daraus jetzt Konsequenzen gezogen haben wird für künftige Konklave. Einfach, weil sich die Zuständigkeiten im Vatikan in jedem Pontifikat immer wieder ändern.

Weil ein Konklave eine so geheimnisvolle Sache ist, wird es immer Versuche geben, doch auf illegale Weise herauszufinden, was da hinter den Mauern der Sixtinischen Kapelle eigentlich vor sich geht. Da ist man auch nicht absolut vor gefeit.

DOMRADIO.DE: Jetzt gab es zum Beginn der Amtszeit relativ großes Wohlwollen aus Deutschland. Zumindest an die Schlagzeile "Wir sind Papst" erinnern wir uns alle noch gut – aber auch an so Sätze wie "Dieser Papst wird uns alle noch überraschen". Was waren das denn für Überraschungen, die in den folgenden acht Jahren gekommen sind?

von Kempis: Natürlich der Rücktritt. Das war die größte Überraschung. Damit hatte überhaupt niemand gerechnet – auch wenn es hinterher hieß: "Ja, vielleicht hat man ihn deswegen überhaupt erst zum Papst gewählt, weil er womöglich den Kardinälen signalisiert hat: 'Ich will das Amt eigentlich gar nicht, und nach einiger Zeit trete ich zurück.'"

Es gab auch eine ganze Reihe von unliebsamen Überraschungen, im Pontifikat von Benedikt XVI. Da fallen einem in jedem Jahr gleich eine ganze Reihe wirklicher oder vermeintlicher Skandale ein: Vertrauensbrüche, dass vertrauliche Papiere aus dem Vatikan herauskamen, Vatileaks, eine umformulierte Karfreitagsfürbitte, die das Verhältnis zu den Juden für einen Moment belastete, die Regensburger Rede, die das Verhältnis zu den Muslimen in Wallung brachte, der Lefebvre-Komplex, die Versuche Benedikts XVI., auf diese erzkonservative, traditionalistische Bruderschaft zuzugehen und die gescheitert sind.

Aber ich muss sagen, für mich war die größte Überraschung der Zauber des Anfangs. Auf einmal wurde nicht der "Panzer-Kardinal" zum "Panzer-Papst" sondern Benedikt hat von Anfang an über die Freude, über die Liebe, über das Schöne am Christentum gesprochen und eine so eingängige, schön formulierte Botschaft vermittelt: "Gott gehört in die Mitte unserer Gesellschaft. Die Frage nach Gott brennt, sie muss offenbleiben." Das klingelt mir immer noch in den Ohren.

Die größte Überraschung war für mich damals, dass er seine erste Enzyklika nicht über Moral, theologische Fragen oder Glaubens- und Sittenlehre geschrieben hat, sondern über "Deus caritas est". "Gott ist Liebe". Dass ausgerechnet Joseph Ratzinger, Benedikt XVI., damit seinen Einstand gegeben hat ins Pontifikat, das hat viele – und das hat auch mich damals völlig überrascht.

DOMRADIO.DE: Jetzt haben wir seit 2013 einen Nachfolger: Papst Franziskus ist dran, spricht ganz anders, wirkt ganz anders. Aber auch bei ihm merkt man in der der Berichterstattung, weicht so im Verlauf die anfängliche Euphorie. Ist das ein grundsätzliches Phänomen bei Päpsten?

von Kempis: Ich glaube schon. Wenn man noch weiter zurückgeht: Das könnte man bei Johannes Paul II., der acht, neun, zehn Jahre nach dem fulminanten Einstand ins Pontifikat dann auch Verschleißerscheinungen zeigte, wahrscheinlich auch belegen. Am Anfang ist ein Papst immer populär, neu, überraschend. Man wittert mögliche Öffnungen. Und dann kommt ja das Grau-Klein des Alltags. Dann ist ein bisschen von dem Lack ab, der Zenit überschritten. So richtig erholt sich ein Papst auch nicht von diesem Zenit.

Es sei denn, er hat, wie Johannes Paul II., ein wirklich langes Pontifikat von ungefähr einem Vierteljahrhundert und mittendrin so Höhepunkte: Der Fall der Berliner Mauer 1989, zu dem der polnische Papst mit seinem "Habt keine Angst", seinem programmatischen Schrei bei der Amtseinführung 1978, ja einiges beigetragen hatte. Ich glaube, diese Verschleißerscheinungen sind normal. Das geht ja nicht nur bei Päpsten so, sondern auch bei Bischöfen oder bei Bundeskanzlerinnen.

DOMRADIO.DE: Gucken wir nochmal auf den zurückgetretenen Papst. Benedikt wollte sich eigentlich eher aus der Öffentlichkeit raushalten. Das hat eine lange Zeit funktioniert. Aber immer wieder hat er sich auch mit politischen Äußerungen zu Wort gemeldet. Deshalb wird immer mehr der Ruf laut nach einem Reglement für einen zurückgetretenen Papst. Wie diskutiert denn der Vatikan darüber? Gibt es Ideen, wie man das in Zukunft regeln kann?

von Kempis: Da muss ich jetzt spekulieren. Natürlich wird auch im Vatikan sehr genau beobachtet, wie dieses Modell "Emeritierter Papst" funktioniert oder wo es auch hakt. Dass man jetzt, solange Benedikt XVI. noch lebt, daraus konkrete Folgerungen ableitet, kann ich mir im Vatikan jedenfalls nicht vorstellen. Anders wird die Sache aber liegen, sobald Benedikt eines hoffentlich noch fernen Tages gestorben sein wird. Dann gehe ich davon aus, dass dieser Papst Franziskus oder ein künftiger Papst dieses Modell des "Emeritierten Papstes", das ja noch sehr neu ist, durch eine Kommission untersuchen lassen wird und auch kirchenrechtlich auf klarere Füße stellen wird.

Die Frage wird sein: In welcher Form darf sich ein emeritierter Papst noch äußern? Wird ein emeritierter Papst zurücktreten in den Rang des Kardinals? Pius XII. hatte für den Fall, dass die Deutschen ihn aus dem Vatikan entführt hätten, seinen Rücktritt und seine Rückkehr ins Kardinalat vorgesehen? Das ist also auch ein mögliches Modell. Aber wie gesagt, das ist Spekulation. Solange Benedikt XVI. lebt, verbieten sie sich ein Stück weit.

DOMRADIO.DE: Die Leute aus seinem Umfeld sagen, Benedikt geht es gesundheitlich relativ gut – auch dafür, dass er gerade 93 Jahre alt geworden ist. Was wird denn bleiben vom Pontifikat, das heute vor 15 Jahren begonnen hat?

von Kempis: Das Offensichtlichste, was bleibt, ist aus meiner Sicht diese große Geste des Rückzugs vom Papstamt: bisher etwas Undenkbares. Damit ist Benedikt zu den großen Gestalten der Kirchen- und der Papstgeschichte geworden. Dann diese Intensität der Suche nach Gott, der Frage nach Gott, vor allen Dingen mit seinen Jesus-Büchern, dass sich ein Papst hinsetzt und sich damit schriftlich auseinandersetzt: Wer war Jesus? Was wollte Jesus? Und das im fiktiven Gespräch mit einem jüdischen Rabbiner. Das war etwas Einzigartiges in der Geschichte der Päpste. Das hat weiter Wirkungen.

Diese Frage, diese Suche nach Gott, hat bei Benedikt zu sehr vielen eingängigen Formulierungen geführt: "Wer glaubt, ist nie allein" und viel Vergleichbares. Diese Suche nach dem Jesus der Geschichte und des Glaubens und nach Gott, die Benedikt losgetreten hat, dieser Ratzinger-Sound, den Glauben für heutige Ohren auf den Punkt zu bringen, das wird sicher bleiben.

Aus meiner Sicht bleibt auch als eine direkte Frucht dieses Pontifikats die Regensburger Rede, die zunächst die Gefühle in der islamischen Welt in Wallung gebracht hat, dann aber doch dazu geführt hat, dass mehrere Dialoge der islamischen Welt mit dem Vatikan und mit der katholischen Kirche losgegangen sind, von denen die Kirche und der Vatikan heute unglaublich profitieren. Diese bahnbrechende Erklärung über die universelle Geschwisterlichkeit der Menschen, die Papst Franziskus bei einem erstmaligen Besuch auf der Arabischen Halbinsel für einen Papst im letzten Jahr unterzeichnen konnte, die wäre ohne diese Vorarbeit Benedikts XVI. überhaupt nicht denkbar gewesen.

Ein großes kleines Pontifikat im Rückblick: klein, weil Benedikt auch immer wieder an Grenzen stieß, weil Missbrauchsskandale aufbrachen – groß wegen dieser Intensität der Frage nach Gott und wegen des Rücktritts am Schluss.

Das Interview führte Renardo Schlegelmilch.

(DR)

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