Dr. Manfred Lütz
Dr. Manfred Lütz

Manfred Lütz, Dr. med., ist Arzt und katholischer Theologe. Er hat mehrere Bestseller zu Kirchen- und Glaubensthemen verfasst. Seine neusten Thesen hat er in einem Buch zusammen mit dem früheren Kurienkardinal Paul Josef Cordes veröffentlicht, das Anfang Juni in Köln vorgestellt wird. Lütz ist seit 1997 Chefarzt des Alexianer-Krankenhauses in Köln-Porz.

24.05.2013

Dr. Manfred Lütz über seine neue Streitschrift zur Zukunft der Kirche Plädoyer für eine Entweltlichung

Entweltlichung. Dieses Schlagwort beschäftigt Deutschlands Katholiken. Dr. Manfred Lütz sieht darin Benedikts Vermächtnis und Franziskus‘ Auftrag. Hier erklärt er, warum er für eine Kirche streitet, die sich in der Welt auf ihr Wesentliches besinnt.

domradio.de: Man möchte ja bei der äußeren Erscheinung von Papst Benedikt und seinem Nachfolger Franziskus denken, dass der Gegensatz zwischen beiden nicht größer sein kann. Sie sind da anderer Meinung. Inwiefern?

Lütz: Ich habe das damals mitbekommen in Rom, als Franziskus auf die Loggia kam, da hat der so viele Revolutionen gemacht wie seit Jahrhunderten nicht mehr. Aber man muss schon sagen, dass die Demut, in der er auftrat, der Benedikts XVI. sehr ähnlich ist. Man muss einfach sagen, wir haben hier eine andere Gestalt dieser Demut.

Benedikt XVI. hat diese ganzen Gewänder als Last der Tradition demütig auf sich genommen. Was er deutlich machen wollte, war, dass diese ganze Tradition etwas ist, was man auch übernimmt, was auf einem auch lasten kann. Und Franziskus als ein Mensch aus der neuen Welt, nicht aus der europäischen Tradition, lebt diese Demut nach außen hin. Von der Demut her sind sie sich also beide sehr ähnlich.

Besonders hat mich aber fasziniert, dass sie beide auch inhaltlich in einer entscheidenden Frage völlig einer Meinung sind, nämlich was die Entweltlichung der Kirche betrifft, die damals Benedikt XVI. in seiner berühmten Freiburger Rede seinen deutschen Landsleuten dringend ans Herz gelegt hatte. Wenn man Franziskus‘ Texte liest: Die Kirche muss aufpassen vor der Weltlichkeit. Das ist die größte Gefährdung, dass sie sich einspannen lässt von der Welt und ihren geistlichen Auftrag verrät, den sie gerade mitten in der Welt hat. Es geht also keineswegs um Weltflucht, wie man damals Benedikt zum Teil absichtlich missverstanden hat, sondern gerade umgekehrt darum, in die Welt hinauszugehen, an die Ränder, in die existenziellen Krisen, aber sich dabei nicht verstricken lassen in die Welt. Und das ist der gleiche Auftrag, den Benedikt XVI. damals der deutschen Kirche gegeben hat.

Ich fand ja die Reaktion der deutschen Kirche damals auf diese Rede schon bemerkenswert. Einige Kirchenvertreter in Deutschland hatten erklärt, Benedikt XVI. habe das gar nicht so gemeint, vor allem habe er nicht speziell Deutschland gemeint. Der Papst rede immer weltkirchlich. Bei einem Interview habe ich dem zugestimmt, denn es sei ja ganz klar: Wenn ein deutscher Papst in Deutschland vor Deutschen auf Deutsch redet, meint er natürlich Nicaragua, das ist sehr naheliegend. Man hat also damals versucht, den Papst gezielt misszuverstehen und seine Kritik an den machtvollen umfänglichen kirchlichen Institutionen in Deutschland, in denen inzwischen vielfach Arbeitgeber-Macht über Leute ausgeübt wird, die sich gar nicht mit der Kirche identifizieren wollen, ins Leere laufen zu lassen. Doch jetzt wird klar, dass Papst Franziskus diesen Weg der Kritik an einer allzu weltlichen Kirche offensichtlich unbeirrt weitergehen will. Und dann kann es eng werden für Leute, die denken, es kann einfach so weiterlaufen in der deutschen Kirche wie bisher.

domradio.de: Der Titel Ihres Buches lautet „Benedikts Vermächtnis und Franziskus‘ Auftrag“. Ist das ein Marschbefehl an den gegenwärtigen Papst?

Lütz: Ein Marschbefehl höchstens DES derzeitigen Papstes. Ich glaube, dass in der Frage der machtvollen kirchlichen Institutionen wir auch im eigenen Interesse übrigens, und nicht nur weil der Papst das sagt, in gewisser Weise im Wortsinne eine Re-Formation brauchen. Das heißt, man kann zum Beispiel aus meiner Sicht nicht bei 54 katholischen Krankenhäusern im Erzbistum Köln und bei 50.000 kirchlichen Angestellten erwarten, dass die alle nach den kirchlichen Prinzipien denken und leben. Das wäre realitätsfremd. Und selbst bei leitenden Mitarbeitern kann man das nicht mehr voraussetzen.  Also Sie finden zum Beispiel heute gar nicht mehr genügend Chefärzte, die wirklich die Auffassungen vertreten, die in den Dienstverträgen niedergelegt sind, die sie unterschreiben. Das kann nicht mehr so weitergehen, wenn die Kirche nicht ihre Glaubwürdigkeit verlieren soll.

Und so plädiere ich in dem Buch dafür, dass man sich überlegt, vielleicht einen Kernbereich weiter unter den bisherigen Kriterien  der bischöflichen Grundordnung zu belassen, aber zum Beispiel aus der großen Mehrzahl dieser katholischen Krankenhäuser Krankenhäuser „aus katholischer Tradition“ zu machen, wo nicht abgetrieben wird, wo auch Obdachlose noch versorgt werden, wo man nicht nach Profit strebt, wo man also wirklich immer noch im Sinne der Nächstenliebe tätig ist, aber wo man nicht mehr katholische Kriterien an die Mitarbeiter anlegt. Das wären dann natürlich keine katholischen Krankenhäuser mehr. Es wären Krankenhäuser, die die katholische Tradition noch pflegen würden, aber an denen es nicht mehr diese unangenehme Atmosphäre produzierter Heuchelei gäbe, in der bloß noch die Fassade katholisch zu sein scheint, obwohl es dahinter ganz anders aussieht.

Es würde auf diese Weise nur das beschrieben, was heute schon so ist, aber der wiederverheiratet geschiedene Chefarzt würde sich da nicht als tolerierter Mitarbeiter zweiter Klasse fühlen. Natürlich könnte an einem solchen Krankenhaus niemand tätig sein, der das dringende Bedürfnis hat, regelmäßig vor dem Kölner Dom gegen den Papst zu demonstrieren. Auch bei der Gewerkschaft werden keine Gewerkschaftshasser eingestellt. Aber man würde bei diesen nicht mehr im engeren Sinne katholischen Einrichtungen ausdrücklich darauf verzichten, den Privatbereich von Mitarbeitern in den Blick zu nehmen.

domradio.de: Im Buch erläutert Kardinal Cordes Entweltlichung als spirituelles Programm für jeden Einzelnen, während Sie enthüllen, was dies für die Kirche in Deutschland bedeutet. Sie gucken da vor allem auf die Caritas und auf Krankenhäuser. Gibt es denn noch andere Bereiche, wo dieser Auftrag zur Entweltlichung in unserer Kirche Fuß fassen kann?

Lütz: Es gab ja in der letzten Zeit viele Skandale. Da war die Sache mit der vergewaltigten Frau, die angeblich von katholischen Krankenhäusern abgewiesen worden war. Genauere Recherchen haben ja ergeben, dass das in Wirklichkeit ganz anders abgelaufen ist. Doch hatte das sicher auch damit zu tun, dass die Ärztinnen in den katholischen Krankenhäusern verunsichert waren, wie sie korrekt nach den Prinzipien dieser katholischen Einrichtungen handeln sollten, Prinzipien, die sie möglicherweise gar persönlich nicht teilten. Man muss heute natürlich davon ausgehen, dass sicher über 90 Prozent der Mitarbeiter katholischer Krankenhäuser die lehramtliche Sexualmoral der katholischen Kirche nicht teilen, wenn sie sie überhaupt kennen.

Aber es gab auch das Problem mit der Kindergärtnerin in Königswinter, das durch die Medien gegangen ist. Da wollte eine beliebte Kindergärtnerin weiter in einem Kindergarten tätig sein, der der katholischen Kirche gehörte, obwohl sie nicht mehr gemäß den Prinzipien der Kirche leben wollte. Das hat alles auch mit dem quantitativen Problem zu tun, von dem wir sprachen.

Aber – und darauf weist Kardinal Cordes in diesem Buch hin – die Rede Benedikts XVI. in Freiburg ist auch ein spirituelles Programm. Das heißt, es geht zunächst mal um jeden Einzelnen. Es geht also nicht bloß darum, dass wir jetzt einfach nur die Institutionen reduzieren, reformieren, verändern, sondern es geht darum, dass jeder von uns selbst aufpassen muss, dass er sich nicht zu sehr in die Welt verstrickt. Und deswegen sind da am Anfang des Buches auch überzeugende Gestalten geschildert, Geschichten von überzeugenden Menschen, die mitten in dieser Welt sozusagen entweltlicht gelebt haben, von Mutter Teresa angefangen bis zu Charles de Foucauld oder einer Simone Weil, die gar nicht katholisch war, aber eine ganz radikale Gottsucherin und auch Gottgläubige gewesen ist. Das heißt, es gibt Gestalten, die sich nicht haben von der Welt kaufen lassen, sondern die versucht haben, aus eigenem geistlichen Antrieb heraus in der Welt zu leben und in die Welt hinein zu  wirken.

Das größte Missverständnis des Begriffs „Entweltlichung“ ist ja, der Papst habe gesagt, man solle aus der Welt raus. Das stimmt überhaupt nicht. Der Papst hat im Gegenteil ausdrücklich gesagt: Geht in die Welt hinein. Gerade wenn ihr die Last dieser machtvollen Institutionen zum Teil los seid, dann könnt ihr viel überzeugender in der Welt wirken. Kardinal Meisner hat mal gesagt: Dann hat man wieder die Hände frei für die wichtigen Aufgaben, wenn wir nicht dauernd riesige Institutionen organisieren und verwalten müssen, aus denen der christliche Geist bereits weitgehend entwichen ist. Kardinal Meisner hat schon zu Beginn seiner Tätigkeit als Erzbischof von Köln gesagt: Die Karosserie ist zu groß für den Motor. Da gab es damals heftigen Widerspruch, aber dieses Programm ist noch nicht wirklich umgesetzt.

domradio.de: Sie bezeichnen Ihr Buch als „Streitschrift“. Mit welchem Widerstand der Kirche in Deutschland rechnen Sie?

Lütz: Der Widerstand gegen die Freiburger Rede Benedikts XVI. war ja sehr subtil. Man hat sie einfach ins Leere laufen lassen. Also man hat einfach gesagt, der meint uns gar nicht und hat dann auch keine Konsequenzen gezogen. Es gab eine etwas abgehobene intellektuelle Debatte darüber, aber mehr auch nicht. Ich glaube aber, dass gerade die Skandale, die es in der letzten Zeit gegeben hat, die Kirche zwingen zu handeln. Und dieses Buch versucht einen solchen Prozess anzuregen und argumentativ zu stützen.

Weder Kardinal Cordes noch ich stehen ja im Verdacht, gegen die katholische Kirche zu sein. Aber gerade weil uns die Kirche so sehr am Herzen liegt, ist es wichtig, dass wir uns Gedanken machen darüber, ob wir es schaffen, in dieser kritischen Situation der katholischen Kirche in Deutschland diese Re-Formierung der Kirche selbst zu gestalten, oder ob wir einfach tatenlos zuschauen wollen, wie die kirchlichen Institutionen Stück für Stück zusammenklappen, so dass uns dann alle paar Monate ein Dachbalken auf den Kopf fällt, wie das ja in den letzten Monaten immer wieder passiert ist. Und das Plädoyer des Buches ist: Die Kirche sollte das selbst gestalten und kreative Vorschläge machen.

Ich bilde mir nicht ein, dass meine Vorschläge, die ich da mache, die idealen Vorschläge sind. Man kann auch andere machen. Aber Einigkeit muss doch darüber bestehen: Bei 215.000 sonntäglichen Kirchenbesuchern im Erzbistum Köln kann es nicht angehen, dass eine solche Kirche noch 50.000 Angestellte im gleichen Bereich hat. Das würde ja theoretisch bedeuten, dass dann, wenn diese 50.000 alle so fromm wären, wie sie unterschrieben haben,  jeder katholische Kirchenbesucher dafür bezahlt wird,  dass er sonntags in die Kirche geht. Das wäre natürlich völlig absurd. Das heißt, wir müssen dafür  sorgen dass die Proportionen wieder stimmen. Und dazu versucht das Buch engagiert anzuregen.

Das Interview führte Jan Hendrik Stens.

Buchhinweis

"Benedikts Vermächtnis und Franziskus‘ Auftrag – Entweltlichung". Herder-Verlag,  14,99 €.

(dr)

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