Walter Kardinal Kasper zum Papstrücktritt

Walter Kardinal Kasper (* 5. März 1933 in Heidenheim an der Brenz) ist ein emeritierter Kurienkardinal und ehemaliger Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen.

19.02.2013

Kardinal Kasper zur Amtszeit von Benedikt XVI. und zu möglichen Nachfolgern "Ein sehr evangelisches Pontifikat"

Der deutsche Kurienkardinal Walter Kasper feiert fünf Tage nach Beginn der Sedisvakanz seinen 80. Geburtstag - und kann daher als ältester Kardinal ins Konklave einziehen. Ein Gespräch. 

Frage: Herr Kardinal Kasper, Ihr 80. Geburtstag fällt in eine bewegte Phase für die Kirche. Sind Sie in der Stimmung, jetzt unbeschwert zu feiern und Rückschau auf Ihr erfülltes Leben zu halten?

Kasper: Es ist in der Tat eine historische Phase, die Neuwahl eines Papstes. Die Kirche steht wieder an einem wichtigen geschichtlichen Wendepunkt. Ich selbst schaue dankbar auf mein langes Leben zurück.

Ich habe sehr viel erlebt, in unterschiedlichen Funktionen. 25 Jahre war ich Professor, dann 10 Jahre Bischof. Seit 14 Jahren bin ich jetzt schon hier in Rom. Es waren bewegte Zeiten, ich bin sehr viel in der Welt herumgekommen und konnte die Weltkirche einigermaßen kennenlernen. Leider kann ich aufgrund der neuen Situation meinen Geburtstag nicht wie geplant mit Freunden, mit meiner Heimatgemeinde und mit meiner Diözese feiern. Dennoch schaue ich mit Dankbarkeit zurück und mit Hoffnung nach vorne.

Frage: Ein ungewöhnliches Pontifikat geht zu Ende - auf ungewöhnliche Art. Was war für Sie das Profil des Pontifikats?

Kasper: Ich würde etwas provokatorisch sagen: Es war ein sehr evangelisches Pontifikat. Dieser Papst hat versucht, mit Hilfe des Wortes Gottes und seiner Verkündigung die Kirche zu leiten und zu führen. Er ist kein Machtmensch, er ist kein Mann der großen Gesten.

Er hat gepredigt, Katechesen gehalten und sehr viele Menschen haben ihm gerne zugehört. Er hat vielen vieles geben können. Er hat dabei sehr viel zur Konsolidierung der Kirche im Glauben und zur Vertiefung des Glaubens beigetragen. Das war sein Hauptanliegen. Und er hat sein Amt auf sehr milde, menschliche Art ausübt, auch in schwierigen Situationen. Er hat sehr viel Gleichmut, sehr viel Ruhe und inneren Frieden ausgestrahlt. Das wird in die Zukunft eingehen.

Ich denke dass viele, die ihn heute noch kritisieren, ihn schon bald sehr vermissen werden. Wir werden nicht so schnell wieder einen Papst von dem gleichen geistigen und geistlichen Format haben wie Benedikt XVI.

Frage: Die Beziehung zwischen Benedikt XVI. und Deutschland ist/war nicht spannungsfrei...

Kasper: Sie war zweifellos nicht spannungsfrei, wobei man differenzieren muss. In Umfragen der letzten Tage beurteilten mehr als die Hälfte der Deutschen, und zwei Drittel der Katholiken sein Pontifikat positiv. Öffentliche und veröffentlichte Meinung stimmen halt nicht immer überein. Natürlich gab es Spannungen. Größere Gruppen hatten sich dringend die ein oder andere Reform erwartet.

Die ist nicht gekommen. Ich sehe eine grundsätzliche Differenz: Während diese Gruppierungen auf bestimmten Reformen bestehen, vertrat der Papst die Konzeption: zunächst muss man den Glauben vertiefen und festigen. Denn nur aus dem Glauben heraus können Reformen wachsen. Diese beiden Positionen, die beide in mancher Hinsicht ihr Recht haben, haben nie ganz zueinander gefunden, sind nie ganz miteinander versöhnt worden. Es blieb ein Dissens, der nicht aufgelöst worden ist.

Frage: Warum hatte Benedikt XVI. es so schwierig, schwerer als sein Vorgänger?

Kasper. Er ist eine andere Persönlichkeit als Johannes Paul II. Er ist ein stiller, ein verinnerlichter Mensch. Ein Theologe, ein Intellektueller, der mit Situationen nicht auf gleiche Weise umgehen konnte wie sein Vorgänger. Hauptgrund ist aber die Säkularisierung, die sich in den vergangenen Jahren verschärft hat. Es besteht eine kirchenkritische Stimmung in Westeuropa. Auch die Weltsituation ist unübersichtlicher und komplexer geworden. Zum Amtsantritt von Johannes Paul II. gab es noch Mauer und Eisernen Vorhang. Die zweigeteilte Welt war zwar gefährlich, aber sie war auch übersichtlicher. Es ist heute viel schwieriger, sich in dieser Eindeutigkeit und Klarheit zu äußern, wie zur Zeit von Johannes Paul II., der zur großen weltpolitischen Wende beitragen konnte. Aber solche außerordentliche Situationen kann man sich nicht aussuchen.

Benedikt XVI. ist mit einer schwierigen Situation konfrontiert gewesen.

Frage: Ist er durch den Vatikan ausreichend unterstützt gewesen?

Kasper: In den letzten Monaten ist überdeutlich geworden, dass Reformen in der Kurie nötig sind. Denn es läuft nicht alles so, wie es in der heutigen Situation laufen müsste. Ich sehe es als wichtige Aufgabe des Nachfolgers, in der Kurie manches neu zu ordnen und in Ordnung zu bringen. Da hat es in diesem Pontifikat mitunter geknirscht. Das ist im wesentlichen nicht die Schuld des Papstes.

Der Apparat muss auf die neue Situation neu justiert werden. Es bestanden Spannungen, und Benedikt hätte vielleicht mehr Hilfe von anderen gebraucht.

Frage: Während Sie am 5. März Ihren Geburtstag begehen, denken Sie im Vor-Konklave über das Profil des neuen Papstes nach. Was sind Ihre Erwartungen?

Kasper: Der neue Papst muss in erster Linie ein Hirte sein, der die Menschen im Herzen berührt und ihre Sprache findet. Politik, Diplomatie und Administration - da können andere helfen. Aber Hirte muss er selbst sein. Dann muss es ein Mann des Glaubens sein, der was er verkündet selbst lebt. Und er muss die sich radikal verändernde Weltsituation im Blick haben. Europa ist nicht mehr das Zentrum. Er muss eine Offenheit für neue Situationen haben.

Vermutlich muss es dafür auch eine etwas größere Vielfalt in der Kirche geben. Man kann nicht alles zentralistisch lösen. Leider hat der Zentralismus seit dem Konzil eher zugenommen als abgenommen. Da sind Gegensteuerungen nötig. Der neue Papst muss Charisma haben, der muss etwas von der Freude und Freiheit des Christseins ausstrahlen.

Er sollte nicht nur Bürokrat sein - auch wenn etwas Bürokratie natürlich dazugehört.

Frage: Sie sind der älteste Kardinal, der ins Konklave einzieht. Italienische Medien haben Sie zu einem der "Großwähler" gekürt. Sehen Sie sich in einer besonderen Rolle?

Kasper: Nein, das möchte ich mir nicht einbilden. Ich bin der Älteste und habe eine gewisse Erfahrung vom letzten Konklave. Zudem habe ich Erfahrungen aus der Ökumene und aus der weltweiten Kirche, die ich einbringen kann. Aber Großwähler - die Institution gibt es nicht. Ich werde meine Meinung vortragen und sagen, was ich für die Zukunft für notwendig halte. Dann werden wir gemeinsam überlegen und beten, um die richtige Person dafür zu finden.

Fragen: In vielen Reden und Veranstaltungen wird des Konzilsbeginns von vor 50 Jahren gedacht. Wie sollte diese Rückschau aussehen?

Kasper: Erstens sollten wir dankbar sein, denn das Konzil hat uns viel gegeben. Wir sollten das Konzil nicht herabwürdigen und schlechtreden. Zweitens: Die Rezeption des Konzils ist noch nicht zu Ende. Die Eröffnung liegt jetzt 50 Jahre zurück. Wir brauchen sicher nochmals 50 Jahre, um es wirklich auszuschöpfen. Vieles ist noch nicht voll verwirklicht. Dazu gehört die Mitarbeit der Laien, oder die Kollegialität. Auch zu ethischen Fragen sind im Konzil Prinzipien angedeutet, die man für schwierige ethische Probleme noch durchdenken muss. Insofern müssen wir nach vorne schauen und das Konzil völlig zu verwirklichen versuchen, in einer jetzt völlig gewandelten Weltsituation. Wir können nicht einfach 50 Jahre zurück.

Es war damals eine völlig andere Zeit. Und trotzdem denke ich, dass das Konzil der Kompass für die Kirche der Zukunft ist.

Das Interview führte Johannes Schidelko.

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