30.09.2011

Der Präsident des Deutschen Caritasverbandes zur Konzerthausrede des Papstes "Wir leben in dieser Welt"

domradio.de: Herr Prälat Neher, bevor wir über die Entweltlichungsforderung des Papstes reden, müssen wir noch einmal auf seine Predigt beim Abschlussgottesdienst schauen. Vor rund 100.000 Gläubigen hatte sich der Papst noch bei vielen ehrenamtlichen und karitativ engagierten Mitarbeitern in der Kirche bedankt und dabei insbesondere auch den Deutschen Caritasverband lobend erwähnt. Das hat Sie doch sicherlich gefreut, oder?--Prälat Neher: Ja. Das hat natürlich mich gefreut, aber auch all die vielen Hundertausende Frauen und Männer - 500.000 beruflich, 500.000 ehrenamtlich -, die diesen Dienst Tag für Tag tun. Das war schon eine sehr schöne Wertschätzung, die all denen gut tut, die hier im Dienst am Menschen stehen.  
domradio.de: Kurz vor seinem Rückflug nach Rom forderte der Papst dann eben bei der Konzerthausrede eine stärkere Entweltlichung der Kirche. Wie erklären Sie sich diesen Begriff?--Neher: Ich halte diesen Begriff für schwierig und auch nicht unbedingt geeignet, um das auszudrücken, was der Papst eigentlich sagen will: Dass wir nämlich tatsächlich in Hinblick auf die Heilige Schrift und die Soziallehre der Kirche unsere Arbeit tun. Entweltlichung passt für mich schwer damit zusammen. Gott ist Mensch geworden in dieser Welt. Die Heilige Teresa von Ávila sagt: Gott in allen Dingen suchen und finden. Also von daher glaube ich, dass dieser Begriff wirklich gut erklärt werden muss, damit er nicht zu Missverständnissen führt.  
domradio.de: Viele verstehen unter Entweltlichung auch die Loslösung von "altbekannten" Strukturen, kirchlichen Kindergärten, katholischen Krankenhäusern und Altenheimen. Sehen Sie das auch so?--Neher: Das würde nicht zusammenpassen mit der ausdrücklichen Würdigung gerade der deutschen Caritas an demselben Vormittag. Ich glaube, die Frage geht vielmehr dahin, dass wir natürlich bei allem Organisieren, Strukturieren und Finanzieren unsere Quelle nicht aus dem Blick verlieren dürfen: Wir leben in dieser Welt und in dieser Welt gibt es auch immer Strukturen und Organisationen. Also die Frage ist vielmehr, wie die Strukturen und Organisationen gestaltet sind und ob sie in ihrer Arbeit durchsichtig machen, in wessen Dienst sie stehen. Und das ist die durchaus berechtigte Rückfrage.
domradio.de: Wie bewerten Sie denn diese Aussage Benedikts insgesamt?--Neher: ich würde den Begriff aus diesem genannten Grunde nicht verwenden, weil Gott ist Mensch in der Welt und es gilt, in allen Dingen Gott zu suchen. Aber was wirklich als kritische Rückfrage bleibt und legitim ist: Jede kirchliche Organisation muss sich immer wieder fragen, ob sie wirklich im Dienst am Menschen steht, ob sie einen menschenfreundlichen Gott durchsichtig macht oder ob es ihr nur darum geht, eine Arbeit zu tun, weil sie vielleicht Geld oder Einfluss dafür bekommt. Also diese kritische Anfrage an die gesamte Arbeit muss sich unsere Kirche, ich würde sagen: weltweit, stellen.
domradio.de: Der Papst hat in seiner Ansprache aber auch betont, dass vor allem das "missionarische Zeugnis der Kirche", das "von materieller und politischer Last befreit", klarer zu Tage tritt, sich besser der Welt zuwenden kann und wirklich weltoffen sein kann. Was bedeutet das für die Arbeit der Caritas?--Neher: Ohne finanzielle Mittel ist es schwer, Gutes zu tun. Die Frage ist nur: Stehen die finanziellen Mittel im Mittelpunkt oder der notbedürftige Mensch. Und in seiner ersten Enzyklika "Deus Caritas est" hat der Papst wunderschön formuliert: Der Christ selbst weiß, wann es an der Zeit ist, von Gott zu sprechen, und wann es wichtig ist, von Gott zu schweigen. Und gerade die soziale Arbeit ist ja die Tatsprache der Liebe und da muss ich nicht immer ausdrücklich das Wort Gott in den Mund nehmen, um deutlich zu machen, in wessen Dienst ich stehe. Es gibt aber auch sehr wohl Situationen, in denen es wichtig ist zu sagen, was unsere Hoffnung ist. Und ich glaube, da muss man sorgfältig unterscheiden. Und dann müssen die Mittel, die uns zur Verfügung stehen, dem Dienst am Menschen dienen, und es muss darin deutlich werden, dass hier ein menschenfreundlicher Gott zum Ausdruck kommt. Das ist eine kritische Anfrage, das wollen wir weiter tun und insofern werden wir auch diesen Auftrag ernst nehmen.
domradio.de: Besonders die Strukturen in der deutschen Kirche wurden vom Papst hinterfragt. Gegenüber dem ZDK beispielsweise sprach Benedikt XVI. darüber, es müsse eine "neue Evangelisierung" in Deutschland geben. Hinterfragt der Papst damit Ihrer Einschätzung nach auch die Strukturen im Caritasverband?--Neher: Ich würde sagen, er hinterfragt jede Struktur. Und es ist ja vom Papst durchaus bekannt, dass er nicht unbedingt ein Freund großer Organisationen und Strukturen ist. Aber ich denke: Hätte er die Würdigung der Caritas am Sonntagvormittag nicht ausdrücklich genannt, dann würde ich diese Anfrage sicher noch deutlicher auf uns beziehen. Aber es würde nicht zusammenpassen, dass er gerade diese organisierte Liebe und Zuwendung zum Menschen im Deutschen Caritasverband am Vormittag ausdrücklich würdigt, und uns am Nachmittag dann sagen will, dass genau diese Struktur ungeeignet ist. Also das würde ich gern umdrehen und sagen: Er hat uns in dieser Form gewürdigt und wertgeschätzt, aber deutlich gesagt: Freunde, Ihr müsst immer wieder gucken, dass darin auch Gott zum Tragen kommt.

Danke an Prälat Peter Neher, den Präsidenten des Deutschen Caritasverbandes. Mit ihm habe ich gesprochen über die Forderung des Papstes, die Kirche müsse sich wieder mehr entweltlichen.

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