20.02.2006

Nachrichtenarchiv 20.02.2006 16:56 Karikaturenstreit – Bischof Marx sieht Schlichtungsversuch als wenig erfolgreich an

Bei einem Treffen mit dem dänischen Bischof Karsten Nissen in Kairo am Wochenende hatte sich Großimam Mohamed Tantaoui, Dozent an der Al Azhar Universität in Kairo, für ein weltweit gültiges Verbot von Beleidigung religiöser Empfindungen ausgesprochen.Der Trierer Bischof Reinhard Marx sagte dazu im domradio-Interview: „Ich halte es fast nicht für durchführbar, dass man gemeinsam auf einen justiziablen Satz kommt, auf den sich alle einigen können. Allgemein religiöse Gefühle nicht zu verletzten – das wird jeder unterschreiben. Was das aber bedeutet und wo die Grenze ist, das ist nicht so ganz einfach.“Religionsfreiheit und GewaltlosigkeitIn vielen islamischen Ländern könnten Christen nicht tätig sein, so Marx weiter. Religionsfreiheit bedeute aber gerade, „dass wir als Christen dort tätig sein können.“ Der Westen müsse sich überlegen, wie man Vertrauen schaffen und den Kulturen auf Augenhöhe und mit Respekt begegnen könne. Und umgekehrt müssten die Muslime eindeutig erklären, was sie unter Freiheit der Religion und unter Demokratie und Verpflichtung zur Gewaltlosigkeit im Islam verstehen. „Da möchte ich mehr hören - auch davon, dass die großen Religionsführer des Islam gegen die Gewalt vorgehen. Das kann ja nie gerechtfertigt sein, Karikaturen hin, Karikaturen her. Aber Gewaltanbringung, Umbringen von Menschen, Anzünden von Häusern - da müssen doch die religiösen Führer empört aufschreien und sagen, dass das im Namen des Islam nicht erlaubt ist.“Chance des aktuellen KonfliktesMarx betonte, dass er natürlich Verständnis habe für die Empörung auf Seiten der Muslime. Man dürfe aber nicht aus dem Auge verlieren, dass die Spannungen zwischen Christen und Muslimen bereits seit längerem wüchsen. Die Karikaturen seien ein willkommener Anlass, die Massen zu mobilisieren und einmal mehr die „Religion wie ein Instrument [einzusetzen], um die Spannungen voranzutreiben.“Die aktuelle Diskussion sollte als Anregung aufgefasst werden, so Marx, sich grundlegende Fragen wieder aktuell zu stellen: „Wie gehen wir eigentlich mit den religiösen Gefühlen um? Gibt es noch Tabus, haben wir Respekt? Gibt es Grenzen dessen, was wir uns gegenseitig zumuten wollen?“