Gott in der Natur erleben
Kirschblüte im Sonnenaufgang

30.04.2021 - 07:10

WunderBar Blütenpracht und vertauschte Rollen

„Jetzt komm schon, Mama!“ Mein Jüngster will weiter.

Jedes Jahr passiert es mir wieder. Wenn der Frühling sich jeden Tag ein bisschen mehr entfaltet, kann ich es nicht fassen. Wie? Unter diesem kleinen Knubbel am Ast lugt eine winzige Blattspitze? Und wenn ich diese Blattspitze vorsichtig aufdrehe, kann ich schon zartgrün das ganze Blatt sehen, zu dem es wachsen wird?  

Mit den Obstbäumen in den Plantagen hier geht es mir genauso. Jedes Jahr neu kann ich gar nicht anders, als ehrfürchtig staunen. Aus Tausenden Apfelbaumästen bricht eine wahre weiße oder zartrosa Blütenpracht hervor.

Und die Magnolien hier in der Gegend rauben mir schier den Verstand. Jedes Jahr im April und Mai kann ich es nicht fassen. Gerade war da noch nichts. Aber kaum zwei Tage später scheint es eine Explosion gegeben zu haben. Eine Explosion in Weiß und Rosa, die mich in ihren Bann schlägt.

Besonders, weil die Magnolien zwar erst wie im Rausch blühen, aber kaum zwei Wochen später ist alles vorbei. Alles welkt und fällt unbarmherzig und bräunlich auf den Boden.

Jedes Jahr wünsche ich mir, die Magnolien würden ein klitzeklein wenig mehr haushalten mit ihrer Pracht, nicht allen Blütentraum auf einmal raushauen. Aber jedes Jahr frage ich mich, ob ich auch dann so fasziniert wäre, könnte ich die Magnolienblüten wochenlang bestaunen?

Jedenfalls kann ich nicht anders. Ich muss stehenbleiben und schauen, während mein Jüngster sich langweilt und sich die Beine in den Boden steht. Fast wie früher. Nur andersrum.

Früher, als die Kinder noch ganz klein waren, haben sie sich alle paar Meter für ein neues Stöckchen, eine neue Schnecke, eine neue Pfütze begeistert.

"Spazieren stehen" habe ich diese Phase genannt.

Heute bin ich es, die am liebsten jede Blüte persönlich begrüßen würde und vor lauter Sorge, diese einzigartigen Tage im Jahr zu verpassen, spazieren steht.

Unwirsch zieht und zoppelt derweil mein Jüngster auf den Hunderunden an mir herum. Das seien doch nur Blüten. Die gäbe es doch jedes Jahr.

Im Übrigen solle ich jetzt kommen, sonst würde er morgen einen Weg nur entlang von Feldern aussuchen.