25.09.2016 - 15:20

wie ich endlich verstand, was Barmherzigkeit heißt Von Herzen und Elend

Barmherzigkeit. Das Wort habe ich noch nie verstanden. Fast ein Jahr lang schon wird es jetzt überall gefeiert. Das "Jahr der Barmherzigkeit", das Papst Franziskus am 8. Dezember im letzten Jahr ausgerufen hat und das noch bis zum 20. November diesen Jahres dauert.

Dabei haben schon viele Menschen versucht, es mir zu erklären. Und eine gute Freundin schreibt mir mit schöner Regelmäßigkeit Karten, auf denen Sätze stehen wie: „Ich wünsche Dir viel Barmherzigkeit. Vor allem für Dich.“ Ich schaue diese Sätze dann an. Und frage mich, wie das denn wohl gehen soll? Das mit der Barmherzigkeit.

Wenn ich ein Wort gar nicht verstehe, dann höre ich ihm zu.  Oft stellt das Wort sich ja selbst vor, wenn man genau hinhört. Bei Barmherzigkeit höre ich: Ein Herz, das sich erbarmt. Aha.  Und was heißt das jetzt: Erbarmen?

Der Duden hilft mir auch nicht weiter, er schreibt nur: „erbarmen. schwaches Verb 1. jemandem aus Mitleid helfen; 2. jemandes Mitleid erregen; jemandem leidtun.“

Also, ich will mir weder leidtun, noch jemandem aus Mitleid helfen und jemandes Mitleid erwecken schon mal dreimal nicht! Dafür aber verstehe ich den Philosophen Nietzsche gut, wenn er ausruft: „Wahrlich, ich mag sie nicht, die Barmherzigen, die selig sind in ihrem Mitleiden. Zu sehr gebricht es ihnen an Scham.“

Ich jedenfalls muss weit reisen, bevor sich eine Ahnung in mein Herz gießt.

Während des internationalen Kongresses zum Thema Barmherzigkeit, zu dem Menschen aus 31 Ländern nach Ruanda gekommen waren, stand ich mitten unter vielen Hundert Flüchtlingen aus Burundi. Wie ihre 200 000 Schicksalsgenossen, die seit August letzten Jahres vor der brutalen Unterdrückung jeder Opposition oder auch nur vermuteter Opposition zum Regime in die Nachbarländer Kongo, Zaire, Tansania oder eben Ruanda geflüchtet sind.

Da stand ich, schaute in die so jungen, im Exil so schmal gewordenen Gesichter. Fühlte das Leid, in der Fremde zu sein. Fühlte die Angst, die Exzesse des Völkermordes könnten erneut explodieren. Und hörte eine Auslegung des Wortes Barmherzigkeit. Aber dieses Mal auf Französisch.

Im Französischen heißt Barmherzigkeit: la miséricorde. Worin misère, also Elend, und coeur, also Herz, steckt. Und auf einmal verstehe ich: Herz und Elend stehen sich gegenüber. Auge in Auge.

Viel Elend braucht viel Herz. Viel beherztes Handeln. Besser noch: viel beherztes Handeln von vielen Herzen.

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