Adventskalender verkürzen das Warten
Adventskalender verkürzen das Warten

06.12.2015 - 07:50

Wenn Mütter volljährig werden Der Adventskalender

Ich stehe im Geschäft. Und frage mich, was tue ich hier eigentlich? Klar, ich suche Kleinigkeiten für den Adventskalender. Aber: wieso? und wieso jetzt? Immerhin habe ich es 18 Jahre lang nicht gemacht.

Die 18 langen Jahre, die der Große jetzt auf der Welt ist. Diese Woche haben wir seine Volljährigkeit gefeiert. Natürlich habe ich lauter sentimentales Mutterzeugs gedacht. Diese klitzekleinen Fingerchen! Dieses  klitzekleine Köpfchen, das sich - vollständig - in meine Hand schmiegte. Das Köpfchen ist schon lange ein ausgewachsener Schädel. Durchaus mit Sturkopfqualität.

Viele andere Dinge sind auch vorbei: Essensaufnahme, Körperpflege, ja selbst Haarewaschen, geht alles von ganz alleine. Die Flüssigkeitszufuhr auch. Allerdings wohl kaum immer in meinem Sinne. Ich kann das Haus verlassen, ohne meine Aufsichtspflicht zu verletzten. Notfalls sogar über Nacht. Ich habe meine Freiheit zurück.

Und viel verloren. Weiche, duftende Babyhaut. Die offene Haustür, aus der mir ein strahlendes Kerlchen entgegenspringt, sobald ich mein Auto auf die Auffahrt lenke. Das abgrundtiefe Vertrauen in seinen Augen, als es um die Abschiebung von zwei Klassenkameraden ging. Nur wegen dieses Blickes habe ich damals angefangen. In der festen Überzeugung, nichts ausrichten zu können. Am Ende konnte eine ganze Familie bleiben.

Vorbei auch die Adventsabende mit unserem Adventsweg: 24 Teelichter auf schmalen Hölzern. Jeden Abend wurde ein Licht mehr angezündet. Jeden Abend durften Josef und Maria, dem der damals 4jährige empört das Baby Jesus aufschnallte (Mama, das Baby ist doch im Bauch dabei), eine Kerze weiter ziehen. Währenddessen haben wir immer ein ganzes Buch gelesen.

Jeden Abend wurde es heller.

Dafür hatten unsere Kinder nie einen Adventskalender. Ich wollte nicht noch mehr Geschenke. Nicht als Gutschein, nicht als buntes Plastik, nicht als Schokolade. Ich wollte Licht und Geschichten und  erzählen. Das hat wunderbar funktioniert.

Was also mache ich also hier: Wieso schaue ich nach lauter Kleinigkeiten für einen Adventskalender?

Frage ich mich im Geschäft. Und zu Hause. Als hätte ich sonst nichts zu tun, packe ich gebratene Mandeln und Zimtsterne in Servietten, klebe Nummern auf kleine Schubladen und schreibe Namen auf Zettelchen zum Auslosen. Damit jeder auch ja gleich oft drankommt. Befremdet schaue ich mir beim Einwickeln zu. Bin ich denn von allen guten Muttergeistern verlassen?

Vielleicht.

Vielleicht aber will die volljährige Mutter in mir nur ein letztes Mal ein bisschen Advent retten. Zur Not sogar mit Zimtsternen und gebrannten Mandeln.