16.12.2018 - 07:10

Mutgeschichten Advent 3 Vom kleinen Mut

Fahrscheinkontrolle im Regionalexpress an den Niederrhein. Der Schaffner kontrolliert einen asiatisch aussehenden Fahrgast. Und plötzlich stehe ich zwischen den beiden.

Mit dem Rücken zum Fahrgast schaue ich direkt in das Gesicht des Schaffners. Wie ich dahin gekommen bin, weiß ich bis heute nicht.

Die Geschichte ist viele Jahre her. Aber ich weiß noch, was vorher passiert ist. Der Schaffner hat bis dahin ganz normal kontrolliert. Der asiatisch aussehende Mensch saß ganz normal unter uns Fahrgästen. Nichts, aber auch gar nichts war auffällig.

Und doch, völlig ohne sichtbaren, äußeren Anlass, attackiert der Schaffner den Fahrgast verbal. Ton und Stimme, alles ist schneidend. Zu Tode erschrocken sucht der Fahrgast seinen Fahrschein hervor.

Die Szene ist so würdelos, der kleine, asiatisch aussehende Mensch wirkt so verloren, dass offensichtlich irgendwas in mir aktiviert wird und ich, ohne dass ich denke oder irgendwas abwäge, mich im nächsten Moment eben zwischen den beiden wiederfinde.

Anschließend, nachdem der Schaffner sich auf meine Frage, was denn der Fahrgast verbrochen habe, gemäßigt hat, die Situation sich entspannt und der Schaffner nach erfolgreicher Kontrolle weiter geht, sagten die  Menschen, ich sei ja mutig.

Aber das war ich nicht. Ich bin einfach einem Reflex, vielleicht einem Schutzreflex, gefolgt. Mehr nicht. Aus meiner Binnenperspektive war ich gar nicht mutig. Zum Mut gehört für mich Angst. Aber ich habe nicht nur nicht nachgedacht, ich habe auch keine Angst gefühlt.

In diesem Advent aber geht es um Mut, nicht um Reflexe.

Um den Mut, Angst zu überwinden. Solchen Mut habe ich gebraucht, um als junge Journalistin nicht einzuknicken, wenn Frauenthemen lächerlich gemacht und vom Tisch gefegt wurden. Wenn Mütter über andere Mütter oder Kollegen über Kollegen herziehen.

Dann hat mein Herz wild geklopft. Und natürlich habe ich oft nichts gesagt. Aber manchmal eben doch.

Mit Mut meine kleinen Ängste überwinden, das finde ich ermutigend. Weil die Sache mit dem Mut immer so groß und so heldenmütig klingt. Und dann so unerreichbar ist. Ein paar Helden und Heldinnen unter uns vorbehalten bleibt. Aber ich glaube nicht, dass es so ist. Ich glaube, Mut ist klein. Mut ist alltäglich.

Und deswegen kann ich ihn jeden Tag neu üben. Immer dann, wenn mein Herzchen klopft, ist Zeit dafür. Diesen kleinen Mut wünsche ich uns allen zum 3. Advent.

Moderation: Angela Krumpen