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28.02.2016 - 07:50

Ich liebe Lesungen. Meistens. Versteckte Kamera

Bücher schreiben ist eine feine Sache. Eingeladen werden vorzulesen, auch. Nette Menschen interessieren sich für das, was ich hier am Schreibtisch mit Blick auf die Eichenbäume in den Rechner schreibe. So sehr, dass sie sich abends aufmachen, um es von mir vorgelesen zu bekommen.

Also, ich freue mich auf Lesungen! Obwohl die Freude hier und da doch mehr beim Publikum lag, als bei mir.

Vor vielen Jahren z.B. der Veranstalter, eine Kirchengemeinde, mit lichtgeflutetem, technisch hervorragend ausgestattetem Begegnungszentrum. Ich bekam ein Headset. Die liebe ich. Das Mikro wird am Ohr festgeklippt. Ich habe die Hände frei, kann wild gestikulieren. Das liebe ich auch.

Wenn da nicht der Funksender wäre. Den bringe ich lieber hinter der Bühne an, unter Ausschluss des Publikums. Dachte ich wenigstens. Eine Freundin half, das Teil unter dem Kleid zu verstauen. Wir hatten uns länger nicht gesehen. Plauderten über dies und das. Bis die Tür aufflog: "Man kann alles im Publikum hören!" Ich werde blass: das Mikro war schon scharf gestellt.

Als ich auf die Bühne komme, griemelt das Publikum vergnügt vor sich hin. Ich lächele, das Gesicht tiefrosa überzogen, verschämt zurück. Frage die Technik coram Publikum, weil das Mikro immer noch scharf ist, ob sie das Mikro vielleicht nur dann am Mischpult aufziehen könnten, wenn ich auch rede?  So kenne ich das normalerweise. Nein, leider, das ginge nicht.

Während ich mich noch frage: "Wie soll das denn gehen, dann wird man ja jedes Atmen von mir hören?" kommt schon das Zeichen, zu beginnen.

"Als ich zehn war..." fange ich an. "Lauter!" ruft das Publikum. Der Mensch am Mischpult regelt nach. "Als ich zehn war..." "Stopp“ ruft es aus dem Publikum, "viel zu laut". Dann gellt ein Pfeifen durch den Saal.

Ins pfeifende Headset rufe ich verzweifelt, was ist mit den Tischmikros? "Geht. Aber dann müssen Sie das Headset ausziehen", ruft der Veranstalter zurück.

"Bist du verrückt? Willst du Dich jetzt etwa vor dem Publikum ausziehen?" zweifelt mein Hirn meinen Verstand an. "Schweig", fauche ich stumm zurück "habe ich eine Wahl?" Laut sage ich, während ich schon mal das Funkkabel durch das Kleid nach oben quetsche: "Ich verstehe. In Wirklichkeit spielen Sie versteckte Kamera mit mir!"

Das Publikum lacht. Der Veranstalter bedauert: "Leider nicht! Denn das wäre perfekt gewesen."

Es ist dann ein besonders schöner Abend geworden, Lesungen sind halt wirklich was Feines.