Initiative kulturelle Integration stellt Thesen für ein gelingendes Zusammenleben vor
Initiative kulturelle Integration stellt Thesen für ein gelingendes Zusammenleben vor

03.10.2017 - 07:20

oder: Tag der deutschen Spaltung Tag der deutschen Einheit

"Wie hat die deutsche Einheit das Leben für die Menschen geändert?" bin ich Anfang der 90er Jahre in einem Bewerbungsgespräch einer Radionachrichtenagentur gefragt worden.

Die Agentur saß in Berlin. Ich war auf der Suche nach einer neuen Herausforderung. Damals habe ich geantwortet: "Für uns im Westen hat die deutsche Einheit nichts geändert, für die Menschen im Osten alles."

Dass mir diese kleine Szene wieder einfällt, liegt an der Tatsache, dass jemand wie Martin Hohmann jetzt wieder im Parlament sitzt.  Martin Hohmann hat heute vor 14 Jahren eine Rede zum Tag der Deutschen Einheit  gehalten. Darin hat er gefordert, dass nicht mehr nur von Deutschen als Tätervolk gesprochen werde. Schließlich seien Juden an der Oktoberrevolution beteiligt gewesen.

Vor vierzehn Jahren kostete Hohmann diese antisemitische Rede erst  seinen Platz in der Bundestagsfraktion der CDU, dann seine Parteimitgliedschaft. Jetzt sitzt er für die AfD wieder im Bundestag.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht - aber ich schäme mich fürchterlich fremd dafür.

Während ich auch zehn Tage nach der Wahl darüber immer noch fassungslos bin, dass die AfD in Sachsen die Stärkste Kraft geworden ist, fällt mir die kleine Szene im Bewerbungsgespräch wieder ein. Ich habe damals Recht gehabt: Am 3.10. 1990, am ersten Tag der deutschen Einheit, hat sich für die Menschen im Westen tatsächlich wenig geändert. Wir haben unser Geld, unser Schulsystem, unsere Arbeitsplätze behalten. In Ostdeutschland wurde alles anders.

Gehe 30 Tage in den Mokassins von jemand, bevor du etwas über sein Leben sagst, sagen die Indianer. Nein, ich bin nie 30 Tage in den Schuhen von Menschen aus Sachsen gegangen, für die sich vor 27 Jahren vielleicht alles änderte. Vielleicht würde ich dann verstehen können, warum so viele von ihnen eine Partei wählen, die toleriert, dass ihre höchsten Vertreter nicht mehr an den Holocaust erinnern wollen oder "den " Islam, den es sowenig gibt,  wie "das" Judentum oder "das" Christentum,  aus Deutschland verbannen wollen. Von der Würde der Menschen, die sich zu uns flüchten, ganz zu schweigen.

Nein, ich bin weder von Jemandem, der AfD gewählt hat, 30 Tage in seinen Mokassins gelaufen, noch kann ich das einfach tun. Aber ich bin, heute, wo wir zum 28. Mal den Tag der Deutschen Einheit feiern, tieftraurig. Und wildentschlossen alles, was ich tun kann, zu tun, damit 2021 die nächste Wahl anders ausgeht.

Moderation: Angela Krumpen