Herbstlicht
Herbstlicht

08.11.2015 - 10:00

Es wird dunkler Das Licht hüten

Das Telefon klingelt. Ich stehe, wie bei jedem längeren Telefonat, vom Schreibtisch auf. Suche mir einen Platz, an dem mich weder Bildschirm noch eingehende Emails von der Konzentration auf das Gespräch ablenken. Zehn Minuten später lege ich auf. Nein, tauche ich auf

Mein Gesicht ist ganz warm, mein Herz leicht. Verwundert schaue ich mich um. Ich habe mir einen Platz in der Sonne gesucht. Unwillkürlich habe ich das Licht angesteuert. Wie ich es so oft tue. Das Licht ist mein Kompass, mein Magnet. Nichts brauche ich so sehr. Manchmal denke ich: mehr als das Atmen.

Nachdenklich gehe ich zurück zu meinem Schreibtisch, der morgens im Dunkel liegt. Nur am Ende des Gartens ist es hell. Die Herbstsonne strahlt die Eichen an. Honiggolden leuchten sie hinter der dunklen Tanne zurück, ziehen seit Tagen meine Blicke magisch an. Leider wird es jeden Tag dunkler hinter der Tanne, aus Gold wird gelb. Aus gelb wird braun. Bald wird da nichts mehr leuchten.

Bald werden da nur noch nackte, schwarze Äste zum Himmel starren. Anklagend. Sowieso hat der kalte, dunkle Winter schon lange sein unsichtbares Netz über die Bäume gespannt. Oder um mein Herz?

Weil, darin ist es ja kalt. Das ist der Ort in mir, der friert und im Dunkeln sitzt. Und doch so gerne am Licht festhalten würde. Egal wie groß meine Sehnsucht nach dem Licht auch ist - sie wird es nicht schaffen, dass die Erde sich aufhört zu drehen, dass der Winter mich dieses Jahr verschont, dass das Licht dieses Jahr bleibt.

"Weißt Du eigentlich, dass die Kelten jetzt, Anfang November, Neujahr feierten?" fragt eine Freundin. Und ergänzt: " Sinn macht das. Unsichtbar kommt das neue Leben ja schon zurück, mit jeder Blumenzwiebel, die in die Erde gelegt wird."  

Ich schlucke. Die Blumenzwiebeln brauchen es dunkel. Und kalt. Damit sie irgendwann blühen können. Wer weiß, vielleicht, brauche  ich am Ende auch das Dunkle und das Kalte? Obwohl ich das Licht so schmerzlich vermissen werde. Sogar jetzt schon, wo es ja noch da ist!

Jetzt gehe ich erst mal in die Küche. Über Mittag fällt der Winkel der Sonnenstrahlen auf den einzigen Platz, an dem man sitzen kann, schreibe auf meine Einkaufsliste: Kerzen. Teelichter.

Bis das Licht wiederkommt, sollen ihre winzigen Flammen mir Licht und Wärme hüten.