14.04.2017 - 15:04

Alles kann wieder passieren Licht in der Finsternis

Trommelschläge erschüttern den Dom. Schreie, erst vereinzelt, dann gebündelt, gellen von seinen Wänden zurück: Kreuzigt ihn!

Der Komponist Helge Burggrabe hat in seinem Oratorium "Lux in Tenebris", Licht in der Finsternis, einer Hommage an den Hildesheimer Dom, auch die Kreuzigung inszeniert. Über hundert Sänger werden zum Sprechchor. Vereinzelte Stimmen und Rhythmen werden mit Percussioninstrumenten langsam synchronisiert, bis eben am Ende eine gleichgeschaltete Masse  "kreuzigt ihn" skandiert. 

"So funktioniert ein Mob", erklärt der Komponist seine Stilmittel in der  Werkseinführung. Am Anfang gebe es noch verschiedene Stimmen in einer aufgeheizten Menge. Dann setzten sich die Lauten durch, steckten viele an - und vertrieben jene, die anderer Meinung sind. Einzeln befragt, wunderten sich viele Menschen über sich selber, sagten Dinge wie: „oh, das denke ich eigentlich gar nicht.“

Die Passionsgeschichte ist mir immer nah gegangen. Im Blick aber hatte ich zumeist das Opfer der Geschichte. Das unschuldige Opfer, das erst verraten, dann ermordet wird. In meiner Arbeit sind mir über die ganze Erde verstreut, Variationen der Geschichte begegnet: Wenn ich mit von Chinesen gefolterten Tibetern sprach, oder mit von Nazis verfolgten Juden. Wenn mir Frauen in Afrika vom  Völkermord erzählten, oder Frauen in Chile von dem in der Haft als Selbstmord inszenierten Mord Ihrer Schwester.

Niemand hatte etwas verbrochen, außer Jude, Tibeter, Tutsi, Hutu oder Anhänger der falschen Partei zu sein. Ihre Familien wurden dennoch ermordet, sie selbst verstümmelt.

Zurzeit gehen mir die "Kreuzigt ihn“- Rufe wieder besonders nah. Aber mein Blick fällt weniger auf das Opfer, als auf jene, deren Beute das Opfer ist. Mein Blick fällt auf den Mob.

Auf jene, die sich gleichschalten lassen. Gegen: die da oben. Die Politiker. Die Wirtschaftsbosse. Die Geflüchteten. Denke an den Hass, der so stereotyp und vereinfachend daher kommt. Es ist der Hass, der Herzen und Hirne erst vernebelt und verführt. Dann verfinstert. Solange bis alle die Finsternis für Licht halten.

Gruppendynamik ist Gruppendynamik. Alles was war, kann wieder passieren.

Ein Einzelner kann keinen Mob aufhalten. Aber jeder und jede Einzelne können die dunkle Wolke über dem Mob erkennen. Und sich fernhalten. Real. Und virtuell.

Dann kann das Licht in der Welt bleiben.

Durch uns.

Moderation: Angela Krumpen