05.09.2021 - 08:00

Wort des Bischofs Wir vergessen euch nicht!

Fast zwei Monate sind ins Land gegangen seit der verheerenden Flutkatastrophe, die das Erzbistum Köln ganz besonders hart getroffen hat. Immer wieder ist Kardinal Woelki in diesen Gebieten unterwegs und spendet den Menschen Trost und mehr ...

In dieser Woche war ich wieder in den Flutgebieten in unserem Bistum. Essensausgabe vor dem Pfarrsaal in Heimerzheim. Ein Ort der Gemeinschaft. Jeder konnte erzählen, wie es ihm ergangen ist und jetzt geht. Und: Warmes Essen! Für die Betroffenen, für die, die immer noch im Hotel wohnen müssen, und nicht zuletzt auch für die Helfer. Das zeigt: Noch lange Zeit wird hier nichts normal sein.

Am letzten Wochenende saß ich beim Gedenkgottesdienst für die Flutopfer. Der Aachener Dom war voll. Die Stimmung – ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Die Berichte von den Überlebenden – mich macht das immer wieder fassungslos. Die Naturgewalt und Not, von der die erzählen. Was das mit dem Leben der Menschen gemacht hat und immer noch macht! Letzte Woche dann wieder die Nachricht von dem überfluteten Staudamm in Blessem. Da sitzt der Schreck wieder in den Knochen, erzählten mir die Menschen. Und dann – Gott sei Dank – dann die Entwarnung. Aber auch so: der Müll ist ja noch gar nicht weg. All der Müll! Und jetzt kommt auch noch der Bauschutt dazu, weil es jetzt an die Substanz der Häuser geht. Es stinkt. Viele sitzen immer noch in den Wohnungen mit den feuchten, dreckigen Wänden. Strom funktioniert da manchmal eher behelfsmäßig. Und bei dem Herbstwetter der letzten Wochen dann die besorgte Frage: wie sieht es eigentlich mit dem Heizen im Winter aus? Heute scheint ja mal die Sonne.

Es ist sicher schon einiges geschafft, aber das Ende? Ich bin froh, dass es immer noch helfende Hände gibt. Solidarität. Hier in Köln und im Rest Deutschlands ist das Leben ja in aller Normalität weiter gegangen. Für manche ist das schon wieder weit weg. Es ist wichtig, was der Bundespräsident gesagt hat, dass wir die Menschen nicht vergessen. Ich kann es jedenfalls nicht. Jeder, der das gesehen hat, wird noch lange davon reden. Die, die das erlebt haben, sowieso. Und solange das nicht wieder gut ist – wenn es überhaupt jemals wieder gut, richtig gut wird – will ich davon reden, dass die Menschen unsere Solidarität und Hilfe brauchen. Ja, auch jetzt noch. Vielleicht jetzt noch viel mehr, wo diese riesige Belastung andauert und dadurch immer größer wird, und der Geduldsfaden immer kürzer. Vergessen wir diese Not nicht – mitten in Deutschland. Lassen Sie uns weiter Zeichen der liebenden Sorge Gottes sein – gerade jetzt, wo es für die Betroffenen anstrengend wird, durchzuhalten.

Ihr 
Rainer Woelki
Erzbischof von Köln