Unsere Nummer 1: Willibert Pauels
Unsere Nummer 1: Willibert Pauels

10.11.2010 - 11:16

Willibert Pauels über den Blues im November und in der Kirche «Mit Karneval gegen die Depression»

Für den katholischen Diakon und Büttenredner Willibert Pauels ist es kein Zufall, dass die Karnevalssession am 11.11. losgeht. Das ist die rheinische Antwort auf den November-Blues, betont der Bütten-Clown im Interview in Wipperfürth. Darin sagt er auch, wie die Kirche mit ihrem Dauer-Blues nach dem Missbrauchsskandal umgehen soll.

KNA: Herr Pauels, glaubt man einer Umfrage, kriegen in der dunklen Jahreszeit fast ein Drittel der Deutschen den Blues. Was empfiehlt denn der Diaclown gegen saisonale Stimmungstiefs?
Pauels: Der November-Blues ist ganz normal und gehört zum Leben. Natürlich hat der Rheinländer in seiner Weisheit etwas dagegengesetzt: Und das ist der 11.11. Das ist nicht nur der Festtag des heiligen Martin, der besonders die Kinder frohmacht, sondern auch der Beginn des Karnevals. Das ist genau der richtige Kontrapunkt, damit der November-Blues nicht zu stark wird.

KNA: Ist der Auftakt zur Session ganz bewusst im Totenmonat November?
Pauels: Ja. Der Karneval hängt stets mit Fastenzeiten zusammen. So liegt der Karneval vor Aschermittwoch vor der großen Fastenzeit. Aber es gibt auch die kleine Fastenzeit: die Tage vor Weihnachten. Und diese kleine Fastenzeit beginnt am 12. November. In diesem Sinne ist der Martinsabend ein Fastenabend - ein Fastelovend.

KNA: Heiteres und Ernstes liegen also ganz dicht beieinander...
Pauels: Die Depression, die man bei dem Novemberwetter verspürt, ist ja nichts anderes als die Ahnung des Todes. Die fallenden Blätter sind ein eindrückliches Zeichen der Vergänglichkeit. Aber demgegenüber gibt es die große Hoffnung, dass niemand ins Nichts, sondern unendlich sanft in die Hände Gottes fällt. Genau in dieser Todesahnung beginnt also die Hoffnung, das Lachen und das Feiern.

KNA: Nach dem Missbrauchsskandal leidet die Kirche in diesem Jahr unter einem Dauer-Blues. Bleibt da nicht auch dem Komiker unter den Klerikern einmal das Lachen im Halse stecken?
Pauels: Nein. Mich bedrückt vielmehr eine Institution, die unter dem Druck steht, perfekt zu sein. Das ist wie mit Verheirateten. Eine Ehe scheitert in dem Augenblick, wo der eine vom anderen Partner verlangt, einem Ideal zu entsprechen. Wir haben übersehen, dass die Kirche auch sündig ist, wie es der Berliner Kardinal Sterzinsky richtig sagte. Das soll natürlich keinesfalls die schrecklichen Missbrauchsfälle relativieren. Aber die sind ja kein Problem der Kirche allein, sondern der gesamten Menschheit. Das besondere Problem der Kirche ist ihre moralische Fallhöhe.

KNA: Merken Sie bei Ihren Auftritten in diesem Jahr, dass die katholische Kirche von vielen anders angeschaut wird?
Pauels: Ja sicher. Hinter der Bühne diskutieren wir immer wieder über Religion und Kirche. Kollegen, die noch eine Beziehung zur Kirche haben, sind betroffen. Und diejenigen, die sich von der Kirche distanziert haben, empfangen mich mit einem Grinsen. Sie wollen mich in eine Art Verteidigungsrolle drängen, indem sie triumphierend sagen: Siehst du, das haben wir doch schon immer gesagt. Aber das war für mich niemals ein Anlass, traurig zu werden im Sinne von hoffnungslos.

KNA: Nehmen Sie das Thema auch ins Programm auf?
Pauels: Nein. Entweder verhöhne ich die Opfer - das wäre das Schlimmste. Oder ich prügele auf meine eigene Kirche ein. Aber das tun ja schon andere. Die Kirche ist meine Familie. Und wenn jemand von außen meine Familie angreift, dann halten wir zusammen - nicht aus Kadavergehorsam, sondern aus innerer Liebe zur eigenen Heimat.

KNA: Die Kirche ist zurzeit intensiv auf der Suche nach dem Aufbruch aus der Krise. Kann da ein bisschen mehr Humor helfen?
Pauels: Der Humor kommt in dem Augenblick, wo man in sich selber ruht. "Geborgenheit im Letzten gibt Gelassenheit im Vorletzten", lautet ein Satz von Romano Guardini, dem ich sehr zustimme. Wer sich absolut geborgen weiß, der kann allem Vorletzten mit Gelassenheit begegnen. Und der schönste Ausdruck von der Gelassenheit ist der Witz.

KNA: Beim Missbrauch hört der Spaß auf. Allerdings ist Sex ein ständiges Thema im Karneval. Warum eigentlich?
Pauels: Wenn das nicht wäre, würde man den Menschen nicht ernst nehmen. Sex ist natürlich eines der größten Antriebskräfte des Menschen und aller Kreaturen - im Positiven wie im Negativen. Die Sexualität ist janusköpfig. In diesem Sinne sagte Thomas von Aquin, dass wir Menschen eben nicht nur den Engel in uns haben, sondern auch das Tier. Der Missbrauch an Kindern ist doch nicht anders zu erklären als die dunkle Seite hemmungsloser Begierde. Man ist dumm, wenn man das nicht im Blick hat.

Interview: Andreas Otto