19.08.2010 - 04:00

Taizé stellt sich seit 70 Jahren in den Dienst des Friedens Zeichen der Versöhnung

Vor 70 Jahren entstand die heute weltbekannte ökumenische Bruderschaft von Taizé - die Kommunität inspiriert seither Hunderttausende von Jugendlichen für ihr ganzes Leben.

ür zahlreiche Menschen - jung und alt - ist die Gemeinschaft in Frankreich der zentrale spirituelle Ort für gelebte christliche Werte. Alles begann am 20. August 1940: An diesem Tag war der reformierte Theologiestudent Roger Louis Schutz-Masuche allein in das verarmte 40 Einwohner Dorf Taizé in Burgund gekommen. Mit einem Pilgerweg in Taizé hat der ökumenische Männerorden den 70. Jahrestag seiner Gründung und den fünften Todestag seines Gründers Frère Roger bereits Mitte August begangen. Rund 5.000 Gäste aus 70 Nationen nahmen daran teil. In Grußbotschaften würdigten unter anderem Papst Benedikt XVI. und Ishmael Noko, der Generalsekretär des Lutherischen Weltbundes, die Bedeutung der Kommunität. Ausgerechnet dieser Ort des Friedens und der Versöhnung war am 16. August 2005 durch ein Attentat erschüttert worden. Frère Roger starb während des Abendgebets durch Messerstiche einer psychisch kranken jungen Frau. Er wurde 90 Jahre alt. Inzwischen leitet der aus Deutschland kommende Bruder Alois als Prior den Orden. Das Vermächtnis von Frère Roger aber lebt weiter. Auch nach seinem gewaltsamen Tod ist die Strahlkraft der Kommunität ungebrochen. Dass heute jährlich etwa 200.000 Menschen verschiedener Konfessionen und Nationalitäten in der Bruderschaft zu Gast sind, hatte er so nie erwartet. Er wollte eine Gemeinschaft ins Leben zu rufen, die in Einfachheit und Herzensgüte ein Zeugnis des Friedens, der Güte und Versöhnung lebt. 1940 erwarb er mit geliehenem Geld ein baufälliges Haus. Gemeinsam mit seiner Schwester Geneviève beherbergte er dort in größter Schlichtheit Flüchtlinge - auch Juden. 1942 müssen beide vor der Gestapo fliehen. Als Roger 1944 zurückkehrt, haben sich ihm zwei Männer angeschlossen. Gemeinsam besuchen sie deutsche Kriegsgefangene. Es geht ihm um Versöhnung - auch innerhalb der zerrissenen Christenheit. Die Männer beginnen in der verlassenen romanischen Dorfkirche zu beten. Ostern 1949 legen die ersten sieben Brüder ihr Gelübde ab. Sie verpflichten sich zu Ehelosigkeit, zu Gehorsam gegenüber der Entscheidung der Gemeinschaft und zu einem einfachen Leben. Heute sind der Kommunität etwa hundert Männer aus über 25 Ländern beigetreten. Etwa ein Drittel der Brüder lebt in Armutsgebieten der Erde, um "in Frieden des Herzens und Einfachheit des Glaubens" ein "Zeichen der Versöhnung" zu sein. Für die wachsende Anzahl an Besuchern wurde 1961 die Versöhnerkirche gebaut. Die Form der in Taizé gelebten Spiritualität findet heute in vielen Gemeinden Nachahmung. Neben einwöchigen Aufenthalten mit schlichtester Unterkunft und Seminaren zu Glaubensfragen lädt die Kommunität seit 1974 Jugendliche in einer mehrtägigen Großveranstaltung, dem "Pilgerweg des Vertrauens auf der Erde" ein, der jedes Jahr zum Jahreswechsel in einer anderen Großstadt stattfindet. "Gäbe es in Europa nicht diese geistig-geistliche Ermattung, würde unsere Bruderschaft nicht so viel Kraft dafür einsetzen, das ganze Jahr Jugendliche aufzunehmen und mit ihnen nachzudenken", begründete Frère Roger zu Lebzeiten das große Engagement für die Jugend. Auch mit der Spaltung der Christenheit findet sich die Kommunität nicht ab: "Wir haben unsere eigene Identität darin gefunden, dass wir die beiden Ursprünge, den evangelischen und den katholischen, in uns selbst versöhnen", betonte Frère Roger, der als Beobachter am 2. Vatikanischen Konzil teilnahm und eng mit Mutter Teresa verbunden war. Für Aufsehen sorgte der Protestant Frère Roger, als er zur Totenmesse für Johannes Paul II. von Kardinal Ratzinger, dem heutigen Papst Benedikt XVI., die sonst Katholiken vorbehaltene Kommunion bei der Eucharistiefeier erhielt. Immer wieder gab es Gerüchte, der Protestant Schutz sei zum katholischen Glauben übergewechselt. Der neue Prior Frère Alois setzte mit einem Gebet für die Attentäterin und einem Besuch bei ihrer Mutter ein weiteres Zeichen der Versöhnung und intensiviert unter anderem die Beziehung nach China. Um die Zukunft der Kommunität macht sich der in Stuttgart aufgewachsene Katholik Alois Löser keine Sorgen: "Frère Roger hat in der Ordensregel, den "Quellen von Taizé", den Weg markiert: Es geht um die Freude, die Einfachheit, die Barmherzigkeit."