24.06.2011 - 10:59

BWV 185 4. Sonntag nach Trinitatis

"Gebt, dann wird auch euch gegeben werden. In reichem, vollem, gehäuften überfließendem Maß wird man euch beschenken; denn nach dem Maß, mit dem ihr messt und zuteilt, wird auch euch zugeteilt werden." Das ist die Stelle aus dem 6. Kapitel des Lukasevangeliums, die am heutigen 4. Sonntag nach Trinitatis zu hören ist und die Johann Sebastian Bach zur Grundlage und zum Thema seiner heutigen Kantate macht. Der Kantate: "Barmherziges Herze der ewigen Liebe", BWV 185.

Bach hat diese Kantate als Weimarer Konzertmeister komponiert und persönlich auf das Manuskript das Jahr "1715" geschrieben. Uraufführung war vermutlich der 14. Juli. 8 Jahre später dann in Leipzig hat Bach diese Kantate nach einigen kleinen Veränderungen erneut aufgeführt,  am 4. Sonntag nach Trinitatis.

Niemand anderes als der große Textdichter Salomon Franck schrieb den Text zu dieser Kantate, wobei er sich sehr eng an den Text des Evangeliums hält: Die Aufforderung, Barmherzigkeit zu üben, die Mahnung nach dem rechten Maß, und abschließend die beiden Gleichnisse vom Splitter in Auge des Bruders bzw. im eigenen Auge.

Der Eingangssatz: Ein Duett von Sopran und Tenor:

Eingangschor

Es folgt ein Rezitativ, das gegen Ende in ein nur noch vom Continuo begleitetes  Arioso übergeht. Und die zentrale Textstelle der ganzen Kantate taucht hier auf: "Denn wie ihr messt, wird man euch wieder messen".  

Rezitativ

In der Alt-Arie, im Anschluss an das Rezitativ, wird der Gedanke des Evangeliums weiter ausgefaltet und auch das zweite Rezitativ greift das Gleichnis vom Splitter und dem Balken auf  und leitet zur nächsten Arie der Kantate über. Und diese Arie fasst alle Ermahnung unter dem Motto "Das ist der Christen Kunst " noch einmal zusammen: Des Nächsten nicht vergessen, mit reichem Maße messen, das macht bei Gott und Menschen Gunst, das ist der Christen Kunst", so heißt es im Text:

Arie

Mit der 1. Strophe des Liedes "Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ" von Johann Agricola, einem Textdichter des 16. Jahrhunderts, endet die Kantate. Der vierstimmig gesungene Choral wird dabei durch eine über dem Sopran liegende selbständige Violinstimme zur Fünfstimmigkeit erweitert.

Choral

Die Kantate des heutigen Sonntags wird zum sogenannten ersten Kantatenjahrgang gezählt. Denn: Bach hatte ja im Jahr 1723 die neue Stelle in Leipzig erst angetreten und damit die Aufgabe übernommen, für jeden Sonntag des Kirchentages eine eigene Kantate zu schreiben. Und so musste er, um das überhaupt zeitlich schaffen zu können, immer mal wieder auf bereits früher komponierte Kantaten zurückgreifen. So auch an diesem Sonntag, bei der heutigen Kantate, die ja auch in Weimar schon mal aufgeführt wurde. Und gerade bei den Kantaten aus der Weimarer Zeit veränderte Bach meistens nur Kleinigkeiten. So wurde das Orchester etwas verstärkt, Blechbläser und auch die Oboe wurden öfter eingesetzt. Bach hatte in Leipzig einfach bessere, wenn auch - wie er oft selbst beklagte - noch lange keine optimalen Verhältnisse.  

Die Kantate für den heutigen Sonntag: "Barmherziges Herze der ewigen Liebe, BWV 185". Es singen und spielen Tölzer Knabenchor und Concentus musicus Wien unter der Leitung von Nikolaus Harnoncout.