15.04.2011 - 13:58

BWV 182 Bachkantate am Palmsonntag

"Himmelskönig, sei willkommen": So der Titel der Kantate von Johann Sebastian Bach für den heutigen Palmsonntag. Und bei dieser Kantate darf man erwarten, dass Bach sich mit ihr noch mehr Mühe gegeben hat als sonst. Denn: Diese Kantate ist wohl die erste nach seiner Ernennung zum Konzertmeister am Weimarer Hof, die am 2. März 1714 ausgesprochen wurde und ihm die monatliche Komposition neuer Kantaten zur Auflage macht. Drei Wochen nach seiner Ernennung, am 25. März 1714, am Palmsonntag, kam Bach dieser neuen Pflicht zum ersten Mal nach.

Der Text stammt von Salomon Franck, der Inhalt der Dichtung knüpft an das Evangelium des Sonntags an: Der Einzug Jesu in Jerusalem. Schon die einleitende Sonata greift dieses Thema auf: Der feierlich-punktierte Rhythmus des Satzes erinnert an die Französische Ouvertüre, während der der König seine Loge zu betreten pflegt. Im folgenden Eingangschor wird dann das Thema der ganzen Kantate in einer Kernaussage zusammengefasst: Der Einzug Christi in Jerusalem soll zugleich auch ein Einzug in unser eigenes Herz sein.

Der Gedanke, dass Jesus auch in das Herz des Christen Einzug halten soll, wird nun in den folgenden Sätzen ausgeführt, und zwar zunächst von der Seite Christi her: Die starke Liebe hat den Gottessohn dazu getrieben, den Willen seines Vaters zu erfüllen und sich für das Heil der Welt zu opfern. So heißt es im vierten Satz, der Bassarie: "Dass du dich zum Heil der Welt als ein Opfer vorgestellt, dass du dich mit Blut verschrieben".

Dann aber wird der Zuhörer selbst aufgefordert, wie einst das Volk von Jerusalem seine Gewänder vor Jesus ausgebreitet hat, jetzt das eigene Herz als Zeugnis des Glaubens dem Heiland zu Füßen zu legen, und auch in Zeiten der Verfolgung nicht von Jesus zu lassen. Insbesondere dieser letzte Gedanke, der im sechsten Satz, der dritten Arie der Kantate, musikalisch umgesetzt wird, war für Bach von besonderer Bedeutung. Dies wird deutlich, in der Art, wie Bach diese Arie gestaltet. Nämlich mit einer ausdrucksvollen Gestik, die in damaliger Zeit als ungeheuerlich empfunden worden sein muss.

Die beiden abschließenden Chorsätze weisen dann auf den himmlischen Lohn hin, der dem Christ durch die Passion Jesu zuteil geworden ist: Das "Salem der Freude", also: Die Stadt Jerusalem, in die Jesus die Gläubigen führt, ist nun nicht mehr die irdische Stadt, in der nun bald die Kreuzigung stattfinden wird, sondern das himmlische Jerusalem, die Gottesstadt. Hier zieht er als König ein, tritt seine Herrschaft an. Der Christ ist aufgefordert, ihn auf diesem Weg zu begleiten, denn:  - so formuliert der abschließende Choral-  "Er geht voran und öffnet die Bahn".

Die Besetzung des Werkes ist für den frühen Bach typisch, da sie entgegen der frühbarocken Praxis der chörigen Orchestrierung auch individuelle, solistisch besetzte Instrumente einander gegenüberstellt. Hier spürt man, dass Bach sich mit den modernen Formen Italiens beschäftigte, die Prägung durch Antonio Vivaldi ist unüberhörbar. Auch dürfte der kleine Raum der  Weimarer Schlosskapelle mehr zu geringstimmiger als zu großbesetzter Musik geeignet gewesen sein. Jedenfalls zeigt Bach in den Jahren bis 1715 eine Vorliebe für erlesene Instrumentierung: Einziges solistisch verwendetes Holzblasinstrument ist die Blockflöte. Hinzu kommt in den vollstimmigen Sätzen die Violine, die als Soloinstrument hervortritt. Der Chor ist wie üblich vierstimmig, aber vermutlich - schon mit Rücksicht auf den schwachen Klang der Blockflöten - minimalst besetzt.

"Himmelskönig, sei willkommen", BWV 182.
Tölzer Knabenchor, Concentus musicus Wien, Leitung: Nikolaus Harnoncourt.

Quelle/ Literatur: Alfred Dürr: Die Kantaten Johann Sebastian Bachs. Bärenreiter, 1995