06.01.2012 - 15:18

BWV 124 1. So. n. Epiphanie

Im Evangelium am 1. Sonntag nach Epiphanie war zu Bachs Zeiten der Bericht vom zwölfjährigen Jesu im Tempel zu hören: Jesus und seine Eltern hatten sich zum Paschafest auf den Weg nach Jerusalem gemacht, feierten dort und als es sie wieder nach Hause aufbrechen wollten, war Jesus auf einmal verschwunden. Nach langem Suchen finden Josef und Maria ihn endlich im Tempel.

Die Kantate, die Johann Sebastian Bach für den heutigen Sonntag komponiert hat, die Kantate "Meinen Jesum lass ich nicht", knüpft eng an diese Evangelienlesung an. Wie einst die Eltern Jesu, so wünscht auch der gläubige Christ, Jesus nicht zu verlieren und ihm in allen Widrigkeiten des Lebens nachzufolgen.

Der Eingangschor folgt dem bei Bach üblichen Schema: Der Chor trägt den Choral zeilenweise vor, während das Orchester in Einleitung, Zwischenspielen und Begleitpartien seine eigene Thematik entwickelt. Im Text heißt es: "So erfordert meine Pflicht, klettenweis an ihm zu kleben. Er ist meines Lebens Licht, meinen Jesum lass ich nicht". Die Zeile "klettenweis an ihm zu kleben" erfährt durch Bach eine recht sinnenfällige Ausdeutung, da sich Alt, Tenor und Bass auf das Wort "Kleben" in einem langgehaltenen Ton vereinen.

Auf ein knappes Rezitativ folgt die erste Arie, deren Worte nicht minder drastisch in Musik gesetzt werden. Seiner Struktur nach ist der Satz eine Arie mit Solovioline. Ihre rhythmisch den gesamten Satz durchziehende Begleitfigur spiegelt die Textworte "Furcht und Schrecken" wieder.  Von der Wiedervereinigung mit Jesus Christus nach dem Tode handelt der vierte Satz, der als einfaches Rezitativ gestaltet ist. Lediglich auf das Wort "Lauf" wird die einfache Deklamation zugunsten eines oktavumfassenden Laufs aufgegeben.  

Noch deutlicher als im Eingangssatz klingen im folgenden Duett tänzerische Formen an und bringen das Vergnügen, von dem im Text die Rede ist, musikalisch zum Ausdruck: "Entziehe dich eilands, mein Herze, der Welt, du findest im Himmel dein wahres Vergnügen" heißt es im Text.

Mit der 6. Strophe des gleichnamigen Liedes "Meinen Jesum lass ich nicht", das Christian Keymann 1658 komponiert hat, lässt Bach seine Kantate enden.

Uraufführung der Komposition war der 7. Januar 1725. Und wie bei fast alle anderen Kantaten auch, die in den Wintermonaten aufgeführt wurden, fasst Bach sich relativ kurz. Dauern die Kantaten in den warmen Sommermonaten zum Teil 30 Minuten und länger, ist heute schon nach rund 15 Minuten Schluss.
Wie gesagt: Nicht ungewöhnlich, denn Bach passt sich den Temperaturen in der Kirche an. Damals gab es ja noch keine leistungsfähigen Heizungen in den Kirchen und so waren nicht nur die Zuhörer, sondern auch die Musiker im Winter für die Kürze durchaus dankbar.

BWV 124: "Meinen Jesum lass ich nicht". Tölzer Knabenchor, Concentus musicus Wien, Leitung: Nikolaus Harnoncourt.

Quelle/ Literatur: Alfred Dürr: Die Kantaten Johann Sebastian Bachs. Bärenreiter, 1995