23.12.2012 - 06:30

4. Adventssonntag BWV 132: Bereitet die Wege, bereitet die Bahn

Die Kantate für den heutigen 4. Adventssonntag hat Johann Sebastian Bach 1715 in Weimar geschrieben und verlangt die von ihm zu dieser Zeit bevorzugte kammermusikalische Besetzung mit 4 Singstimmen, Streichern, Oboe und Continuo.

Der Text stammt von Salomon Franck, der inhaltlich den Gedanken des Evangeliums aufgreift und sich zugleich an Jesaja, Kapitel 40, anlehnt: „Bereitet dem Herrn den Weg“. Und so ist auch die Kantate überschrieben: Bereitet die Wege, bereitet die Bahn.Das Evangelium selbst hat am heutigen Sonntag nach evangelischer Leseordnung Johannes den Täufer im Blick. Die Frage der Juden an Johannes: Wer bist du? Und die Antwort des Johannes, gleichzeitig sein Bekenntnis zu Jesus, wenn er sagt: „Ich taufe mit Wasser. Aber er ist mitten unter euch getreten, den ihr nicht kennt.“All dies kehrt in der Kantatendichtung wieder, wird aber ins Persönlich-Gegenwärtige gewendet: Der einzelne Christ, der Hörer der Kantate, wird unmittelbar angesprochen. Bach hat in seiner Komposition die charakteristische Wärme der Textdichtungen von Salomon Franck einzufangen versucht. Gleich die Eingangsarie ist durch ihren beschwingten Rhythmus von besonderer Lieblichkeit. Fast schon erinnert der Satz  durch die zahlreichen Läufe und Triller der Oboe an ein Instrumentalkonzert. Auch die ausgedehnten Verziehrungen des Solo-Soprans lassen die Komposition sehr virtuos erscheinen. Erst im Mittelteil der Arie nimmt der Satz einen ernsteren Charakter an, um dann letztlich umso jubelnder in die Rufe „Messias kömmt an!“ auszubrechen. Das nachfolgende Rezitativ enthält Elemente, die in weiten Teilen fast arienhaften Charakter haben. Dabei imitiert der Tenor an vielen Stellen das Thema des Continuo. Diese Imitationen, die als Symbol der Nachfolge Christi zu verstehen sind, vereinen sich auf die Worte „dass er mit dir im Glauben sich vereine“. Der dritte Satz, die Arie „Wer bist Du“ wird ganz vom Eingangsmotiv beherrscht. Dieses Motiv taucht immer wieder auf. Immer wieder scheint sich die Frage zu stellen „Wer bist du“?: Die Frage, die ursprünglich Johannes dem Täufer gilt, jetzt aber an die Hörer der Kantate gerichtet wird. Auch die Wahl der Basslage für diese Arie ist kein Zufall: Denn es ist Christus selbst, der diese Frage an den Menschen richtet: Es folgt ein zweites Rezitativ und schließlich der fünfte Satz, eine Alt-Arie mit konzertierender Solovioline. Und hier sind besonders auffällig die virtuosen Geigenpassagen, die vermutlich die Textstelle „Christus gab zum neuen Kleide roten Purpur, weiße Seide“, hörbar in Musik umsetzen. In der uns heute vorliegenden Fassung endet die Kantate mit dieser Arie. Ein Schlusschoral ist nicht erhalten obwohl Salomon Franck die 5. Strophe des Liedes „Herr Christ, der einig Gotts Sohn“ dafür vorgesehen hatte. Vielleicht hat Bach diesen Satz wirklich weggelassen, um die Chorsänger für die weihnachtlichen Aufgaben freizuhalten, was aber sehr unwahrscheinlich ist. Naheliegender ist, dass ein schlichter Choral folgen sollte, der nur auf einem losen Zettel notiert worden war und dass dieser Zettel dann verloren gegangen ist.

BWV 132: Bereitet die Wege, bereitet die Bahn.

Knabenchor Hannover und Collegium Vocale Gent, Leitung: Gustav Leonhardt.

Quelle: Alfred Dürr: Die Kantaten von Johann Sebastian Bach. Bärenreiter 1995.