30.12.2012 - 06:30

1. Sonntag nach Weihnachten BWV 152: Tritt auf die Glaubensbahn

„Herr, nun lässest du deinen Diener in Frieden fahren“: Das Evangelium des heutigen 1. Sonntags nach Weihnachten schließt sich unmittelbar an diesen Lobgesang des Simeon an und enthält seine prophetischen Worte: „Dieser ist dazu bestimmt, dass in Israel viele durch ihn zu Fall kommen und viele aufgerichtet werden, und er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird.“

Salomon Franck, aus dessen Feder der Text der heutigen Kantate stammt, greift auf diese Worte Simeons zurück, so wie sie der Evangelist Lukas in seinem 2. Kapitel überliefert, und folgert aus ihnen: Da das Erscheinen des Heilands Fall oder Auferstehen, Widerspruch oder Anerkennung mit sich bringt, gilt es, auf der Seite derer zu stehen, die Jesus gläubig annehmen.

Und in diesem Sinne auch die Überschrift der heutigen Kantate: „Tritt auf die Glaubensbahn.“

Nach einer breit angelehnten Eingangssinfonie folgt eine Arie, die diese Glaubensbahn, von der die Rede ist, musikalisch hörbar zu machen versucht. Tonleiterfiguren sollen diese Bahn deutlich machen. Inhaltlich greift Salomon Franck auf Psalm 118 zurück, in dem es heißt: „Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden.“

Das der Arie folgende Rezitativ, der dritte Satz lebt ganz aus dem textlichen Kontrast „böse Welt – seliger Christ“. Wenn von der „bösen Welt“ die Rede ist, vertont Bach nur mit einem schlichten Rezitativ, wenn es um den „seligen Christ“ geht, schmückt Bach die Melodie zur Arie aus. Auffällig in diesen Teilen dann auch die Imitationen zwischen der Bassstimme und dem begleitenden Continuo. Diese Nachahmungen, dieses Nachfolgen als Symbol für die Nachfolge Christi. 

War die erste Arie dem Bass zugeordnet, da der Bass grundsätzlich ja als Stimme Christi gilt, ist die jetzt folgende zweite Arie dem Sopran übertragen. Von den Instrumenten her  - Blockflöte, Viola d´ amore und Continuo  - ist die Arie von besonderem klanglichen Reiz.

Ein kurzes Rezitativ führt zum Schlussduett, dem sechsten Satz, der eine einzigartige Form aufweist: Der Dialogtext wird in einzelne Abschnitte aufgegliedert, die musikalisch jeweils der Grundform Dialog – Kanon folgen.

Bachs Komposition entstand in Weimar zum 30. Dezember 1714. Auffällig ist die Instrumentation: Blockflöte, Viola d´amore, Viola da Gamba und Continuo. Bach weicht hier deutlich von der sonst üblichen Streicherbesetzung ab und stellt vier charakteristische Soloinstrumente einander gegenüber. Auch für die Gesangsstimmen werden nur zwei statt der sonst üblichen vier Solisten gefordert, und: der typische Schlusschoral entfällt.

Der Grund für diese Besonderheiten: Höchstwahrscheinlich hat Bach hier aus der Not eine Tugend gemacht. Die weihnachtliche Beanspruchung der Weimarer Hofmusiker mag zu dieser Besetzung veranlasst haben, die die ganze Kantate vom Klang her liebenswert macht und eine individuelle Sphäre vermittelt.

BWV 152: „Tritt auf die Glaubensbahn“.
Tölzer Knabenchor, Concentus musicus Wien, Leitung:Nikolaus Harnoncourt.

Quelle: Alfred Dürr: Die Kantaten von Johann Sebastian Bach. Bärenreiter 1995.