Mutterkrautblüte im Januar 2016
Mutterkrautblüte im Januar 2016

16.01.2016 - 09:50

Vom Zauber der Blüten in diesem Januar "Es blüht hinter uns her"

Der Winter ist da mit Schneefall und Frost. Was aber des Gärtners Auge in diesen ersten Wochen des Jahres Wochen fasziniert, zumindest im bislang milden Rheinland, das sind die Blüten dieses Januars.

"Es blüht hinter uns her..." beginnt Hilde Domin einen oft zitierten Gedanken über den Neuanfang. Hatte sie da einzelne, leuchtende Blüten vor Augen, die, wie in diesem milden Januar, farbige Tupfer in den Garten bringen, tapfer gegen alle Dunkelheit der Jahreszeit?

Es blühen Mutterkraut und Ringelblume

Strahlend, schneeweiß blüht das Mutterkraut. Zumindest eine Mutterkraut-Pflanze im Garten hat wohl schon im Herbst den milden Winter geahnt und sich gar nicht erst zurückgezogen, sie blieb als grünes Kraut einfach stehen und trägt jetzt Blüten, die blenden, wenn ein Winter-Sonnenstrahl sie trifft.

Auch die Ringelblume im kleinen Topf hat gar nicht erst das Blühen beendet, keck orange macht sie durch in diesem Winter. Und selbst die Kapuzinerkresse, die doch so frostempfindlich ist, treibt, geduckt an die Hauswand, Blätter und Blüten, auch wenn diese sehr klein sind.

Spuren eigener Aktivitäten

Sind das Blütenspuren vergangener Monate, blüht da das alte Jahr noch mitten im Januar? Blüht das alte Jahr – mit den Worten Hilde Domins – hinter uns her? Ja, botanisch gesehen. Aber Hilde Domin meint es anders, übersetzt für uns Gärtner: Es sind die eigenen Spuren, die da hinter uns her blühen, Spuren unserer eigenen Aktivitäten und der immer wieder neuen Aufbrüche vergangener Monate, die eben jetzt noch zu sehen sind.
Hilde Domin meint allerdings nicht nur uns Gärtner, sondern meinte es grundsätzlich:

Es blüht hinter uns her
Weil ein neuer Anfang möglich ist…
- diese Hoffnung verbindet sich mit jedem Jahreswechsel.
Wünsche, Sehnsüchte und gespannte Vorfreude
richten sich auf das Neue.
Aber in jeder Situation gilt: Ein neuer Anfang ist möglich.
Es ist an uns, die vor uns liegende Zeit zu gestalten.
Wer sich anstecken lässt vom Leitstern der Sehnsucht,
wer den ersten Schritt in die Zukunft wagt, dem ist gesagt:
„Fürchte dich nicht, es blüht hinter uns her.“

Ein schöner jetzt passender Text, der eben auch über der Tür zum Garten stehen könnte. Weil die Liebe, Mühe und Sehnsucht, die wir in den Garten stecken, diesen Text so versinnbildlichen. Keiner erlebt dies so tief und mit allen Sinnen, wenn es hinter ihm her blüht, wie der Gärtner. Das ist auch eines der tiefen Geheimnisse der Gartenarbeit.

Weil soviel Hoffnung darin steckt

Der Text von Hilde Domin wird auch gern im Trauerfall und bei schwerer Krankheit zitiert, weil soviel Hoffnung darin steckt. Und meist ist das Bild einer Blume dabei. So wie die Blüte der Zierquitte, die auch jetzt schon in diesem Januar ihre orangeroten Blütenkelche geöffnet hat und das Licht der Wintersonne einfängt. Sie allerdings blüht uns voraus … (St.Q.)