13.05.2008 - 10:52

Nachrichtenarchiv 13.05.2008 10:52 Das goldene Vlies

"Das Goldene Vließ", an dem Grillparzer von 1818 bis 1820 schrieb, ist ein dramatisches Weltgedicht, das über die private Tragödie Medeas weit hinausweist. Es geht um die katastrophale Begegnung zweier Kulturen, um die Unfähigkeit der Menschen, mit Fremden friedlich zu koexistieren.

Im »Gastfreund« bittet der Grieche Phryxus, der aus seiner Heimat flüchten muss, Aietes, den König von Kolchis, um Asyl und freundliche Aufnahme. Er beschenkt Aietes nicht nur mit Gold und anderen reichen Gaben, er übergibt ihm auch ein goldenes Widderfell - das Vließ, das er in Delphi einer Gottesstatue abgenommen hat. Aietes misstraut dem Fremden, heuchlerisch lädt er ihn zum Gastmahl ein. Nachdem er ihn entwaffnet hat, ermordet er Phryxus, der sterbend Aietes, seine Familie und sein Volk für die Missachtung des Gastrechtes verflucht. Im zweiten Teil der Trilogie landen wieder Griechen in Kolchis. Unter der Führung von Jason, einem Königssohn aus Jolkos, wollen die »Argonauten« - benannt nach ihrem Schiff Argo - den Tod des Phryxus rächen und das Goldene Vließ zurück nach Hellas bringen. Aietes sucht Hilfe bei seiner Tochter Medea, die mit zauberischen Kräften begabt ist. Medea verspricht, den Kampf gegen die Griechen zu unterstützen - bis Jason vor ihr steht. Wie vom Blitz getroffen fühlt sie sich von dem Fremden angezogen. Auch Jason verliebt sich in Medea und will sie als Braut in seine Heimat führen. Als er sie und das Vließ auf sein Schiff bringen will, stellt sich ihm ihr Bruder in den Weg. Jason will sich mit ihm freies Geleit von Aietes erpressen. Daraufhin stürzt sich Medeas Bruder von der Klippe in den Tod. Aietes bricht am Ufer zusammen. Der letzte Teil der Trilogie erzählt vom grausamen Ende der Liebe von Jason und »Medea«; seit Euripides ist diese Geschichte weltberühmt. Jahrelang irren beide durch Hellas, immer wieder werden sie vertrieben, weil die Griechen Angst vor den »Künsten« der »Barbarin« haben und Jasons Verbindung mit ihr nicht akzeptieren. Endlich bitten sie bei Kreon, dem König von Korinth, um Asyl. Kreon, der Jason von Jugend auf kennt und schätzt, räumt zunächst beiden das Gastrecht ein. Trotzdem entspannt sich die Lage nicht. Jason flirtet mit Kreusa, der Tochter Kreons. Die Situation eskaliert…»Nimm Sieg und Rache hin!« unter dieser Losung glaubte Phryxus einst das Vließ vom Gott erhalten zu haben. Den destruktiven Sinn dieser Losung buchstabiert Grillparzer in seinem Trauerspiel bis zum bitteren Ende durch. Er zeigt, wie brüchig unsere Selbstbilder und Wahrnehmungen des Anderen sind: Zivilisation und Barbarentum, Kultur und Natur sind nur zwei Seiten derselben menschlichen Natur. Ein Stück über die Tragödie des Lebens, wenn wir uns begegnen und verfehlen.