29.10.2017 - 10:00

Predigt zum 30. Sonntag im Jahreskreis "Gottesliebe ohne Nächstenliebe bliebe folgenlos"

In seiner Predigt beschäftigte sich Domkapitular Josef Sauerborn am 30. Sonntag im Jahreskreis mit der Frage nach dem Wesentlichen.

Er sagte im Kölner Dom: "Mit Recht dürfen wir fragen: Worauf kommt es an? Was ist dringlich? Jesus sagt: Es gibt zwei Grundsätze, die alles andere in sich enthalten, zwei Grundsätze des Glaubens sind dringlich: Du sollst Gott lieben, du sollst den Nächsten lieben. Beide sind unverzichtbare Grundsätze des Glaubens.

Es gibt aber eine Gewichtung: Die Liebe, so sagt Jesus, ist das wichtigste, die Liebe zu Gott. Und die Liebe zu Gott ist das erste Gebot. Die Gewichtung, die das Evangelium vollzieht, ist eigentümlich: Ebenso wichtig, heißt es, ist das zweite: Die Nächstenliebe. Aber das erste Gebot wird das erste genannt und das zweite zweites und doch ist es ebenso wichtig. Deutlich ist zu spüren: Bei aller wesentlichen Gewichtung lassen sich die beiden Gebote nicht gegeneinander ausspielen.

Gottesliebe und Menschenliebe

Die Erfüllung des einen ist nicht ohne die Erfüllung des anderen möglich. Wäre es anders, dann wäre der Glaube halbiert und ein halbierter Glaube ist kein Glaube. Die Gottesliebe ohne Nächstenliebe bliebe bliebe folgenlos, die Gottesliebe muss sich im Sozialen verwirklichen. Die Nächstenliebe droht eine leere Liebe zu werden, die Nächstenliebe ohne Gottesliebe wäre eine blinde Liebe. Sie vermöchte den Nächsten gar nicht in seiner letzten würde vor Gott zu erkennen, dass der nächste ein Gottes Geschöpf ist und darum im tiefsten Sinne eine Schwester und einen Bruder, bliebe verborge. Damit bliebe auch der nächste verborgen, er wäre verkürzt auf seiner Endlichkeit.

Das kann tragische Ausmaße annehmen, wie der mangelnde Schutz des behinderten Lebens vor seiner Geburt in unserem Land deutlich macht. Wo der Mensch nur noch durch den Menschen verstanden wird und nicht mehr durch Gott und auf Gott hin, da macht sich schnell ein gnadenloses Leistungsdenken breit.

"Zuerst geht es um Gott"

Die Gewichtung, die das Evangelium vollzieht, ist zutreffend: Zunächst und zuerst geht es um Gott, dann, was der Mensch ist: Dass er nämlich ganz und gar von Gott her und auf Gott hin ist, auch wenn er vielleicht nicht glaubt, kein Christ ist und anderweitig aufgestellt ist. Was der Mensch ist, ist er ganz und gar von Gott her und auf Gott hin - auch der glaubens- und der gottlos sich nennende ist so. Jesus ruft zu einer reservenlosen Liebe auf, er tut dies mit der ganzen Stimme der Heiligen Schrift. So sagt er: Der Gottesliebe gehört das ganze Herz, die ganze Seele und alle Gedanken. So kann man nur Gott lieben: Mit ganzem Herzen, ganzer Seele und all den Gedanken."

In dieser Liebe darf der Mensch sein ganzes Wesen werfen, alles was er hat und alles was er ist. Je mehr er sich in die Gottesliebe hinein wirft, umso mehr findet er sein eigenes Wesen, das ja auf Gott ganz und gar ausgerichtet und verwiesen ist. Je mehr er dies tut, nämlich sein Wesen auf Gott auszurichten, wächst ihm in dieser Gottesliebe auch der Nächste zu, weil die Gottesliebe, wenn sie wirkliche Gottesliebe ist, immer den Blick frei macht für die Würde des Menschen. Wo aber das ganze Herz im Spiel ist, da fallen die letzten Vorbehalte und Reserven. Im Herzen bündeln sich Denken und Sehnen des Menschen.

Da ist nach der Maßgabe der Schrift die Mitte des Menschen, seine leidenschaftliche Mitte. Da ist der Sitz der Gottesliebe, ihr Feuer, die Seele, die als ganze in diese Liebe verwoben ist, durchpulst den Menschen. Sie ist seine Lebendigkeit, sein Lebensprinzip vom Scheitel bis zur Sohle. Alle Vollzüge des Menschen sind eingebunden, sein ganzes Dasein, sein Wachen und Schlafen, seine Ruhe und seine Arbeit.