Pater Klaus Mertes SJ
Pater Klaus Mertes SJ

18.11.2018 - 18:00

Wissen, Nichtwissen, Mitwissen: "Diese Blindheit ist eine systemische" Pater Klaus Mertes

Seit fast einem Jahrzehnt ist die Aufklärung von sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche für den Jesuiten Klaus Mertes zur Lebensaufgabe geworden. DOMRADIO.DE wollte wissen: Was hat er im Laufe der Jahre gelernt? Und: Wie geht es ihm heute?

Die Deutsche Bischofskonferenz hat Pater Klaus Mertes Ende Oktober als Experten nach Mainz eingeladen. Sprechen sollte er zu den Bischöfen zum Thema "Geistlicher Missbrauch". Nach einem langen Tag treffe ich (Redakteurin Angela Krumpen) ihn in Mainz. "Es war ein guter Tag", sagt Pater Mertes an diesem Abend. Und er sagt auch, dass er sich über die Einladung der Bischöfe sehr gefreut habe. Es war die erste seit Januar 2010.

Damals schrieb der Jesuit Klaus Mertes rund 600 ehemaligen Schülern des Berliner Canisius-Kollegs einen offenen Brief, ermutigte Opfer von sexuellem Missbrauch sich zu melden. Dieser Brief brachte erst eine Lawine, dann einen Skandal ins Rollen, dessen Ende auch fast ein Jahrzehnt nach der Veröffentlichung nicht abzusehen ist.

Missbrauch in der katholischen Kirche hat eine besondere Fallhöhe

Nachdenklich, klug und reflektiert, man spürt die intensive Erfahrung mit dem Thema, spricht Klaus Mertes über die vielen Facetten, die Missbrauch hat. Wenn Geistliche missbrauchen, handelt es sich immer auch um geistlichen Missbrauch. Den Pater Mertes besonders schlimm findet: "Das hat  mit der besonderen Fallhöhe zu tun. Ich habe viele Opfer von sexuellem Missbrauch in der Kirche kennengelernt, die mir gesagt haben, der sexuelle Missbrauch sei nicht das Schlimmste, obwohl er natürlich schlimm ist, sondern dahinter steht noch einmal dieser geistliche Missbrauch."

Letztlich sei es "Missbrauch des Namens Jesu oder des Namens Gottes im Sinne. Der Name Jesu ist missbraucht worden, um Nähe zu gewinnen."Viele der Betroffenen", weiß Pater Mertes, seien "tief gläubige Menschen, die sich auf der Suche nach Gott, nach einer Erfahrung nach Nähe zu Gott begeben haben und in dem Zusammenhang missbraucht worden sind."

Mein Glück war Teil des Unglücks der anderen

Unzählige Gespräche und Interviews hat Pater Mertes zum Thema geführt. Wenn sein Leben ein Kuchen wäre, wie groß wäre das Stück, das er mit dem Thema Missbrauch widmet, will ich von ihm wissen: "Das Thema ist in meinem Leben,wie Sauerteig, der alles durchsäuert. Ich könnte 100% sagen." Zugleich führt Pater Mertes eine Schule mit fast 1000 Schülern "Damit füllt sich mein Alltag". Ein paar Jahre nach dem Brief, mit dem alles begann, bekam Pater Mertes eine Erschöpfungsdepression. Warum wurde ihm bald klar. Gesprochen hat er über seine persönliche Geschichte öffentlich noch nie. "Weil es das domradio ist, erzähle ich es", sagt er.

"Ich musste mich meiner eigenen Geschichte im Aloisiuskolleg in Bonn stellen. Ich musste mir erlauben, mich nicht als Jesuit zu fühlen, sondern als Schüler". Der Schüler Klaus Mertes, der selber von Übergriffen verschont blieb, aber nicht wusste, dass enge Freunde von ihm Opfer wurden, begriff: "Mein Glück war Teil ihres Unglücks , weil es für sie bedeutet, nicht gesehen zu werden." Und er musste auch begreifen, dass er hätte wissen können: " Wir haben schon damals über die komischen Bilder gelacht. Auch als Studenten. Wir haben es aber nicht begriffen! Die Frage des Wissens, des Nichtwissens, des Mitwissens - die Blindheit ist eine systemische. Ich habe es nicht gesehen. Allerdings muss ich in dem Moment, in dem ich es sehe, auch handeln! Das habe ich versucht."

Die Dinge ansprechen ist heilend

Zu diesem Handeln gehört es für Klaus Mertes auch, Schmerzliches auszusprechen: "Ich glaube, dass es eine heilende Wirkung hat, die Dinge anzusprechen." Man müsse "die Augen aufmachen und sich stellen."

Weil man sich stellen muss, sagt Pater Mertes, dass manche Menschen die Schwulen in der Kirche zu Sündenböcken machen, dass, wenn sich die kirchliche Hierarchie zerfleische, es die Aufklärung voranbringe und auch dass die Kirche zur Erneuerung keine Lichtgestalt an der Spitze brauche.

Wie er das begründet? Hören Sie in dieser Sendung Menschen. Harte Kost. Und heilsame Medizin, finde ich. Möge die Medizin wirken.

Moderation: Angela Krumpen