Jung hilft Jung beim Chancenwerk
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Murat Vural
Murat Vural
Chancenwerk: Wissen und Zeit tauschen
Chancenwerk: Wissen und Zeit tauschen

27.01.2019 - 18:00

Vom Gastarbeiterkind zum Sozialunternehmer Murat Vural

"Du kannst ja kein Deutsch", hörte Murat Vural, der in Deutschland geboren ist, in der Grundschule. Mit 11 Jahren dann in der Türkei: "Du kannst ja kein Türkisch". Heute ist Murat Vural Elektroingenieur. Und ein "Chancenwerker".

Sein Sozialunternehmen, das Chancenwerk, erreicht an 86 Partnerschulen fast 5000 Schüler. Als Murat Vural mit 35 Jahren das Bundesverdienstkreuz am Bande bekam, da freute sich vor allem einer: sein Vater. Vater Vural, der eigentlich nur zum Geldverdienen nach Deutschland gekommen war, holte später seine Familie ins Land der Zechen.

Dass sein Sohn als Gründer eine Sozialunternehmens einmal fast 5000 Schülern Bildungschancen und Lernperspektiven ermöglichen würde, war nicht vorstellbar. Aber der Reihe nach.

Das Viertel hörte auf, wo die deutsche Schäferhunde bellten

Murat Vural ist in Herne geboren und aufgewachsen, in einem Viertel ohne deutsche Nachbarn: "Die Häuser in unserem Block hatten alle Türen nach hinten. Dort traf ich mich mit türkischen, marokkanischen und afrikanischen Kindern zum Spielen. Das war eine schöne Zeit."

Als er in die Schule kam, konnte Murat Vural kaum deutsch. "Um durchzukommen, entwickelte er andere Kompetenzen: " Ich wollte immer der Beste in Mathematik sein." Was ihm auch half, als die Familie ihr Glück in der türkischen Hauptstadt suchte: "In der Türkei ist die Sprache der Akademiker die Sprache der Öffentlichkeit."

Der anatolische Dialekt, den Vural von seinen Eltern gelernt hatte, fiel auf: "Wir waren immer die anderen." Wieder kompensierte Murat Vural seine sprachliche Schwäche. "Ich dachte, wenn ich Mathe kann, kann ich auch mehr."

Als einer 300 aus 100.000 am  türkischen Eliteinternat

Murat Vural bereitete sich ein Jahr lang vor. Mit 100.000 Schülern trat er zur Prüfung an, nur die 300 Besten nimmt das Eliteinternat in Ankara auf. Murat Vural war einer von ihnen.

Zwei Wochen nach der Prüfung teilten seine Eltern ihm mit, dass sie zurück nach Deutschland gehen. Murat Vural, der seinen gerade gewonnenen Traum nicht aufgeben will, bleibt mit 14 alleine in der Türkei.

Unter lauter Akademikerkindern, die alle schon Harvard und Oxford in den Blick nehmen, entdeckt er eine neue Welt. Aber gut wird so schnell nichts.

Deutscher? Türke? Deutschland verlangt eine Entscheidung

"Ich konnte es nicht fassen. Wieso musste ich jetzt eine Entscheidung treffen" wundert sich Murat Vural bis heute. Aber als er 16 wurde, kam er zurück nach Deutschland.

"Es gab Probleme in meiner Familie, meinem Vater ging es finanziell nicht gut. Ich habe mich für meine Familie entschieden. Die lebte in Deutschland." In Deutschland wartete: die Hauptschule. Eine Lehrerin erarbeitete für Murat Vural jedesmal eine extra Mathematikarbeit: eine, die Aufgaben enthielt, die sie selber nicht lösen konnte.

Und die Murat Vural dann allen in der Klasse vorrechnete. "Das hat mir Kraft gegeben weiterzumachen, obwohl ich jetzt wieder an der deutschen Sprache scheiterte."

Bruder, wir müssen was tun

Nach dem gegen alle Widerstände dann doch an einem Gymnasium abgelegten Abitur, studierte Murat Vural Elektrotechnik. Zwei Wochen vor Abgabe seiner Diplomarbeit rasten zwei Attentäter in die Türme des World Trade Centers in New York. 

"Die Attentäter hatten ja zum Teil in Deutschland studiert. Von heute auf morgen wurden meine Chancen geringer." Die Stelle, die ein Professor gerade noch in Aussicht gestellt hatte, war keine Option mehr.

Unterdessen studierte Murat Vurals Schwester Serife Sozialpädagogik. An der Uni fiel ihr auf, was ihr alles fehlte: Niemand hatte ihr die deutsche Schriftsprache, die sie für wissenschaftliche Texte brauchte, beigebracht, niemand, wie man systematisch lernt und niemand, wie man seine Meinung vertritt. "Bruder, wir müssen was tun" schlussfolgerte sie.

Wer etwas gut kann, hat Verantwortung

Der Bruder tat was. Fing an Nachhilfe zu geben, gründete einen Verein, Chancenwerk e.V. Was Murat Vural schnell nicht reichte: "Ich wollte nicht nur fünf Kindern helfen. Ich wollte 5000 helfen."

Murat Vural dachte sich die "Lernkaskaden" aus, ein System von Studenten, die ältere Schüler unterrichten und diese zugleich befähigen, jüngeren Schülern zu helfen. "Die Schulen haben genug Baustellen" sagt das Chancenwerk und stellt Lernkoordinatoren ein, die sich in den 87 Partnerschulen um die Schüler kümmern.

Menschen gewinnen, weiterzumachen

Das Konzept beruht auf dem Prinzip geben und nehmen: Jugendlichen unterstützen eine Gruppe von Kindern bei ihren schulischen Aufgaben. Dafür erhalten die Jugendlichen selbst kostenfreie Lernhilfe durch Studierende in einem Fach ihrer Wahl. Getauscht werden Zeit und Wissen. 

Murat Vural, der Chancenwerker, tut das, was er am besten kann: überzeugen. Menschen gewinnen, mitzumachen, zu spenden, selber aktiv werden. Und fast 5000 Schüler profitieren jede Woche davon. 

Moderation: Angela Krumpen

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