Ein einsamer Wolf fotografiert in Kanada
Ein einsamer Wolf fotografiert in Kanada
Klaus Mertes vor der Canisiuskirche in Berlin
Klaus Mertes vor der Canisiuskirche in Berlin

25.07.2021 - 18:00

Der Hirte muss die Schafe vor dem Wolf schützen Klaus Mertes

Der Hirte muss die Schafe vor dem Wolf schützen. Eine Sendung mit Pater Klaus Mertes über den steinigen Weg der Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt und den leichteren Umgang damit.

Der Schock über das Ausmaß von sexualisierter Gewalt und ihrer Vertuschung in der Katholischen Kirche ist groß. Was tun mit dem Schock, wohin mit der Erschütterung? Wie der Umgang mit dem schweren Thema leichter werden kann, will ich von Pater Klaus Mertes wissen. Deshalb treffe ich ihn für eine dritte gemeinsame Sendung zum Thema „Sexualisierte Gewalt und Gerechtigkeit für die Opfer“ wie 2010 schonmal in Berlin. 2018 haben wir am Rande der Deutschen Bischofskonferenz den Faden in einer zweiten Sendung aufgenommen. Damals hatten die Verantwortlichen Klaus Mertes nach quälenden acht langen Jahren erstmals eingeladen, zum Thema spiritueller Missbrauch zu sprechen, den Klaus Mertes von Anfang an benannt hatte.

Seitdem aber ist wieder viel passiert. Und nicht nur in Köln ist das Erschrecken über das Ausmaß von Missbrauch und Vertuschung groß. Aufklärungsarbeit ist weiter angesagt. Unterdessen sind Klaus Mertes und Matthias Katsch von der Betroffenen-Initiative „Eckiger Tisch“ für ihre Verdienste zur Aufklärung von Bundespräsident Steinmeier ausgezeichnet worden.

Das Erkennen und Begreifen von Missbrauch ist ein Prozess

In seiner Dankesrede erklärt Klaus Mertes, dass das Erkennen von Missbrauch ein Prozess sei. Er wählt das Bild der Blindenheilung aus der Bibel, um zu erläutern, was er meint. Nach der ersten Berührung habe der Blinde Menschen gesehen, die er für Bäume hielt. Erst nach der zweiten Berührung habe er die Menschen als Menschen erkennen können.

„Mir ist das auch so gegangen. Erst 2010 habe ich begriffen, dass ich als Lehrer Dinge erlebt habe, von denen ich erst dann begriffen habe, dass die Schüler mir von Missbrauch erzählten.“ Was alles zu diesem Prozess gehört, warum sich Gewalt in einer nahen Beziehung nicht sofort als Gewalt wahrnehmen lässt und warum das Umfeld oft gar nichts hören will oder hören kann? Auf diese und andere Fragen gibt Klaus Mertes in der Sendung, die Sie auch als Podcast hören können, spannende und kluge Antworten.

Der Hirte muss die Schafe vor dem Wolf schützen

Außerdem erzählt Pater Mertes, dass ihn beim Lesen des Kölner Gutachtens besonders die völlige Unfähigkeit, mit Gewalt umzugehen, erschüttert habe. Was die Gründe dafür sind und was dagegen getan werden muss, hören Sie in der Sendung.

Pater Mertes findet ein einprägsames Bild: „Um es im Bild des Hirten zu sagen. Der Hirte, der die Schafe vor dem Wolf schützt, muss sich dem Wolf stellen. D.h. er muss sein eigenes Leben gefährden.“  Aber mit Wolf ist es nicht so einfach. Der Wolf sei nicht einfach nur der böse Täter. Wo und wie, um im Bild zu bleiben, der „böse Wolf“ alles wildert, z.B. im eigenen Umfeld, und wie man ihm begegnen kann, schildert Klaus Mertes so engagiert wie erfahren in der Sendung.

Den Kreislauf des Scheiterns unterbrechen

Wir nutzen unsere Zeit auch, um einen Ausweg aus dem „Kreislauf des Scheiterns“, wie Klaus Mertes die Aufklärungsarbeit der katholischen Kirche nennt, zu suchen. Wir sprechen über Schuldgefühle, die aggressiv machen. Darüber, was Verantwortung heißt und darüber, was es bedeutet, wenn es der Kirche in erster Linie um ihr Image und nicht um Gerechtigkeit für die Opfer geht.

Und ob sich Klaus Mertes für die Zukunft vorstellen kann, als Bischof an der Aufklärung mitzuarbeiten, das verrät er ganz am Ende der Sendung.

Erstsendung: 25.04.2021