Kirchenfenster mit einer Darstellung des Heiligen Geistes

04.06.2017 - 06:30

Mahlers Sinfonie der Tausend in der Vorstellung Heiliger Geist und Goethes Faust

Zu Pfingsten gibt es in Cantica ein Werk, das auf raffinierte Art den mittelalterlichen Pfingsthymnus "Veni, Creator Spiritus“ mit der Schlussszene aus Goethes Drama Faust II verbindet.

Diese Meisterleistung schaffte Gustav Mahler mit seiner Sinfonie Nr. 8, die den Beinamen "Sinfonie der Tausend" trägt, weil bei der Uraufführung hunderte von Musikern beteiligt waren. Aber auch sonst überschreitet das Werk bekannte Grenzen.

Gustav Mahler revolutionierte am Ende 19. Jahrhunderts die Musik, vor allem die Gattung der Sinfonie trieb er noch einmal voran, er erweiterte erheblich die Anzahl der ausführenden Musiker und auch Harmonik und Struktur der Sinfonie. Vor allem seine Sinfonie Nr. 8 sprengte den damals üblichen Rahmen. Der riesige Orchesterapparat mit Fernorchester, die insgesamt drei Chöre und acht Gesangssolisten beeindruckten die damaligen Zuhörer bei der Uraufführung zutiefst und so wurde die Sinfonie zu Mahlers größten Erfolg.

Im ersten Teil der Sinfonie vertonte Mahler den lateinischen Hymnus zu Pfingsten „Veni, Creator Spiritus“ aus dem 9. Jahrhundert. Im Text wird der Heilige Geist angerufen, dass er zu den Gläubigen kommen möge. Mahler setzt die mittelalterlichen Worte vor allem zu Beginn der Sinfonie mit einem bombastischen Klang in Musik.

Die Sinfonie Nr. 8 von Gustav Mahler ist nicht nur wegen der schieren Größe der Ausführenden einzigartig. Auch die Vertonung eines geistlichen Textes ist äußerst ungewöhnlich für ein eigentlich weltliches Werk. Dazu kommt, dass Mahler im zweiten Teil der Sinfonie einen völlig anderen Text in Musik setzte, der auf den ersten Blick nichts mit dem mittelalterlichen Hymnus zu tun hat.   Goethes Drama „Faust“ hatte den Österreicher schon lange beschäftigt, die Schlussszene vertonte er nun im zweiten Teil der Sinfonie. Thema dort ist die Erlösung von Faust, der durch sein Streben Gnade findet. Das Thema Erlösung klingt auch im Pfingsthymnus an, der Heilige Geist wird angerufen, um den Menschen beizustehen. Trotz der 1000 Jahre, die zwischen beiden Texte liegen, verbindet Mahler beide durch musikalische Querverbindungen. So tauchen musikalische Motive des ersten Teils im zweiten auf. Vor allem die Musik zum Abschnitt „Accende“ findet ihren Wiederhall im weiteren Verlauf des Werkes. „Zünd uns ein Licht an im Verstand“, so lautet die deutsche Übersetzung.

Immer wieder fallen solche Querverbindungen zwischen den beiden Teilen auf. Die Sinfonie wirkt so wie aus einem Guss, obwohl die beschriebenen Bilder nicht unterschiedlicher sein könnten. Hier der mittelalterliche Text, der die Geistgaben besingt, dort die Szenen aus dem zweiten Teil von Faust mit einer heranschwebenden Mater Gloriosa und einem so genannten Chorus mysticus, der die Sinfonie mit den Worten „Alles Vergängliche Ist nur ein Gleichnis“ abschließt.

Goethes Faust und der Pfingsthymnus, die Länge von rund 80 Minuten und die zahlreichen Ausführenden im Chor und Orchester – trotz dieser großen Herausforderungen komponierte Mahler das Werk wie im Rausch, er habe eine „blitzartige Vision“ der Sinfonie im Kopf gehabt, sagte Mahler später. Im Sommer 1906 schrieb er das meiste an Musik nieder, komplett fertig war das Werk 1907. Doch durch die vielen beteiligten Musiker dauerte die Vorbereitung der Uraufführung länger als das eigentliche Komponieren. Erst 1910 kam es zum Konzert mit mehr als 3000 Zuhörern, darunter vielen bekannten Dirigenten, Komponisten und sonstigen Kulturschaffenden. Die Reaktionen fielen durchweg begeistert aus. Mahler persönlich dirigierte die Uraufführung und bekam auch für diese Leistung höchstes Lob. Trotz des Aufwandes an Sängern und Instrumentalisten wird die Sinfonie Nr. 8 auch heute noch häufig aufgeführt, etwa zum 25jährigen Jubiläum der Philharmonie in Köln vor wenigen Jahren.

(Erstsendedatum: 24.05.2015; 15.05.2016)

 

CD-Tipp:

Gustav Mahler: Sinfonie Nr. 8

Ausführende:

Mädchen und Knaben der Chöre am Kölner Dom, Chor des Bach-Vereins Köln, Domkantorei Köln, Kartäuserkantorei Köln, Philharmonische Chor der Stadt Bonn, Vokalensemble Kölner Dom

Gürzenich-Orchester Köln

Gesamtleitung: Markus Stenz

Erschienen bei oehms classics