17.03.2013 - 06:30

Judica BWV 5: Wo soll ich fliehen hin

Auch die Kantate des heutigen Sonntags hatte Bach eigentlich nicht für den heutigen Fastensonntag Judica vorgesehen. Einfach deswegen nicht, weil es an den Sonntagen der Fastenzeit keine Kirchenmusik in den Leipziger Kirchen gab. Aber: Wenn es eine Kantate gegeben hätte am heutigen Sonntag, dann hätte es schon sein können, dass Bach die Kantate „Wo soll ich fliehen hin“ für diesen Sonntag komponiert hätte

 

Denn diese Choralkantate  passt vom Charakter, noch mehr aber vom Text her sehr gut zu den Gedanken der Fastenzeit. So heißt es schon im Eingangschoral: Wo soll ich fliegen hin, weil ich beschweret bin mit viel und großen Sünden? Wo soll ich Rettung finden? Wenn alle Welt herkäme, mein Angst sie nicht wegnähme“.

Zugrunde liegt dieser Kantate das 11strophige Lied von Johann Herrmann, der es 1630 komponiert hat. Anfangs- und Endstrophe wurden unverändert beibehalten, die anderen Strophe in recht freier Weise umgedichtet. Das Jesuswort zu dem Gichtbrüchigen „deine Sünden sind dir vergeben“ bildet den Anknüpfungspunkt. Es weckt das eigene Sündenbewusstsein und mündet in der Zuversicht, dass Jesus nicht nur dem Gichtbrüchigen, sondern mit seinem Opfertod allen Menschen die Sünden weggenommen hat. So wenden die ersten drei Sätze allmählich den Blick von der ausweglosen Lage des Sünders auf den Sühnetod Jesu. So heißt es zum Beispiel im dritten Satz, der Arie des Tenor: Ergieße dich reichlich, du göttliche Quelle, ach walle mit blutigen Strömen auf mich!“ Unüberhörbar die Anspielung auf den Kreuzestod. Ein viertöniger, abwärtsgerichteter Tonleiterausschnitt dient zur Charakterisierung dieser reichlich fließenden Quelle.

Den eigentlichen Umschwung bringt jetzt der 4. Satz. Indem Bach diesen Satz mit dem vom der Oboe geblasenen Lied-Cantus-firmus kombiniert, hebt er den Satz hervor, der inhaltlich die entscheidende Wendung von der Verzweiflung zum Trost bringt und schafft zugleich in formaler Hinsicht ein Zentrum, um das sich die übrigen Sätze symmetrisch gruppieren.

Durch diesen Trost, durch diese Zuversicht findet er jetzt auch die Kraft, sich gegen den Satan aufzulehnen. Davon ist im 5. Satz, der Bassarie, die Rede. War die Arie des dritten Satzes geprägt vom Bild der „göttlichen Quelle“ voll Blut, das die Sündenflecken abwäscht, wählt der Textdichter jetzt hier das Bild des tobenden „Höllenheeres“, dessen Lärmen auf Geheiß des gläubigen Christen plötzlich verstummen muss, wenn dieser ihm Jesu Blut entgegenhält.

In sechsten und siebten Satz jetzt die Bitte des einzelnen Christen an Gott: Christi Tod möge auch ihm die ersehnte Erlösung bringen. Und mit dieser Bitte endet das Werk, das zum ersten Mal im Jahre 1724 aufgeführt wurde. 

Kantate BWV 5 „Wo soll ich fliehen hin“.

Wiener Sängerknaben, Concentus musicus Wien, Leitung Nikolaus Harnoncourt.

Quelle/ Literatur: Alfred Dürr: Die Kantaten Johann Sebastian Bachs. Bärenreiter, 1995