05.05.2013 - 06:30

6. Sonntag der Osterzeit BWV 87: „Bisher habt ihr nichts gebeten in meinem Namen.“

Johann Sebastian Bach hat die Kantate für den heutigen 6. Sonntag der Osterzeit im Jahr 1725 komponiert. Überschrift: „Bisher habt ihr nichts gebeten in meinem Namen“. Der Text stammt von Mariane von Ziegler. Als Beginn wählt sie ein Jesuswort aus dem Evangelium des heutigen Sonntags. Da heißt es bei Johannes im 16. Kapitel: „Bis jetzt habt ihr noch nichts in meinem Namen erbeten“. Die Dichterin fasst diese Aussage als Vorwurf auf. Trotz ihrer offensichtlichen Schuld haben die Menschen Gott nicht um Vergebung gebeten.

Dem ersten Satz schließt sich ein kurzes Rezitativ an, das zur Alt-Arie überleitet. Auch diese erste Arie knüpft an den Schrifttext an. „Herr, rede nicht mehr sprüchwortsweis“ bezieht sich auf das Jesuswort: „Es kommt die Stunde, in der ich nicht mehr in verhüllter Rede zu euch sprechen werden, sondern euch offen den Vater verkünden werde. Durch die Instrumentation mit zwei Oben da caccia erhält der Satz ein ungewöhnliches, durch klangliche Konzentration auf die Mittellage charakteristisches Kolorit. Eine aufwärtsstrebende musikalische  Figur in der Continuobegleitung wirkt wie eine flehende Gebärde, während das Thema der weithin parallelgeführten Oboen mit seinen vielfachen Seufzermotiven ebenso anhaltend das Wort „vergib“ zum Ausdruck zu bringen scheint.

Im Gegensatz zum ersten Rezitativ ist das jetzt folgende mit Streichbegleitung komponiert und damit wesentlich aufwendiger gestaltet. Und: Das Rezitativ mündet in einen ausdrucksvolles Arioso auf die Worte „drum suche mich zu trösten“.

Der fünfte Satz ist wieder ein Trostwort Christi: In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden“. Der Satz selbst wirkt unheimlich streng. Diesen Eindruck vermittelt zum einen die Beschränkung auf Bassstimme und Continuo. Aber auch die Molltonart mit den schmerzvoll verminderten Septimen bringt zum Ausdruck, dass dieser Trost für keinen geringeren Preis als durch das Leiden Christi erlangt wurde.

Der 6. Satz bringt die freudige Bejahung des Leidens im Vertrauen auf Christi Trost. Über lang gehaltenen Orgelpunkten entfaltet die Violine einen ausdrucksvollen Gesang, begleitet von ruhigen Akkorden. Der Tenor übernimmt zunächst das Thema der Violine, entwickelt aber in der zweiten Satzhälfte eine eigene Melodik.

In einem schlichten Choralsatz auf die Melodie „Jesu, meine Freude“, endet die Kantate. Bei dem Choral handelt es sich um die 9. Strophe des Liedes „Selig ist die Seele“ von Heinrich Müller. Die Kernaussage: Wenn Jesus mich liebt, wird auch das Leiden zur Freude.