Thomas Schuler auf Napoleons Spuren
Thomas Schuler auf Napoleons Spuren

18.02.2020 - 15:16

Thomas Schuler reist auf Napoleons Spuren durch Europa Wer war Napoleon?

Wer war Napoleon? Erst kürzlich verglich ihn der englische Premier Johnson mit Hitler. Thomas Schuler räumt in seinem Napoleon Buch mit vielen Napoleon-Klischees auf und weist nach, dass es eben nicht Napoleon war, der von sich aus Europa mit Angriffskriegen überzogen hat.

„Warum stapfe ich durch die Einsamkeit dieser Bergwelt? (gemeint ist der Pfad über den St. Bernhard Pass in den Alpen). Warum den Spuren eines Menschen folgen, der seit nahezu 200 Jahren tot ist? Warum noch einmal ein Buch über Napoleon, über den es mehr als eine halbe Millionen Bücher gibt – vermutlich mehr als über jeden anderen Menschen, der jemals gelebt hat?“ Diese Frage stellt der Historiker Thomas Schuler, der Napoleon durch ganz Europa gefolgt ist, und eben auch über die Alpen gestapft ist. ‚Auf Napoleons Spuren. / Eine Reise durch Europa‘, so heißt sein Buch, das uns einen Napoleon jenseits aller Napoleon-Klischees näherbringt.

Zufuß über den St. Bernhard Pass

Der Historiker Schuler spürt dem Genius Loci, dem Geist der europäischen Schauplätze nach, die Napoleon berühmt gemacht haben. Er überquert wie einst Napoleon die Alpen, fährt nach Moskau, London, Berlin, Venedig, Regensburg und Waterloo. Seine Recherchen in Archiven werden so durch eigene Erfahrungen noch lebendiger. „Diese Lichtstimmungen in den Bergen waren unglaublich faszinierend“, erzählt Schuler. „Je höher man kommt, desto dünner wird die Luft und desto dicker wird der Schnee. Und dann dort oben zu sein auf dem Hospiz der Benediktiner, ein Hospiz, das seit tausend Jahren eine Tür hat, die immer offensteht. Das ist Tradition dieses Hospizes – genau durch diese Tür zu gehen, durch die schon Napoleon gegangen ist, war unglaublich einprägsam“.

In seinem Buch beschreibt der Historiker, wie Napoleon auf einem Maulesel reitend fast in eine tiefe Schlucht gestürzt wäre. Die Weltgeschichte wäre komplett anders verlaufen, wenn der französische Feldherr hier ums Leben gekommen wäre. Später ließ Napoleon ein Gemälde seiner Alpenüberquerung anfertigen. Da reitet er stolz auf einem sich aufbäumenden Schimmel. Fake News würde man heute sagen.

Jedes Land blickt anders auf Napoleon

Es geht dem Autor darum, die Vergangenheit neben die Gegenwart zu stellen – in Zeitüberblenden. So erzählt Schuler von einem Fundstück in Berlin, dem Adler einer Patronentasche aus dem Russlandfeldzug Napoleons, den deutsche Wehrmachtssoldaten im zweiten Weltkrieg in Russland gefunden und mitgebracht haben. Dieser Adler habe dazu beigetragen, dass ein Attentat auf Hitler misslungen sei. Geplant war das Attentat bei einem Hitler Besuch im Zeughaus, wo dieses Fundstück ausgestellt war, doch habe es Hitler an die Niederlage Napoleons erinnert und er sei fluchtartig aus dem Museum weggelaufen und dem geplanten Attentat nur knapp entgangen.

„Jedes Land hat einen anderen Blick auf Napoleon“, sagt Schuler, „ausgehend von den historischen Erfahrungen, die es gemacht hat“. Für England sei Napoleon ein größenwahnsinniger Aggressor, den die Engländer – wie später auch Hitler besiegt haben. So habe es erst kürzlich auch der aktuelle Premier Johnson betont, um auf die Stärke seines Landes hinzuweisen, erzählt Schuler und weist dann nach, dass es die Engländer selbst waren, die den Krieg gegen Napoleon damals angefangen haben. Die Kriegsschuldfrage liege hier eindeutig bei England.

Napoleon passt in keine Schublade

Für Schuler ist Napoleon eine vielschichtige Gestalt, für den die Schubladen gut oder böse viel zu klein seien. Napoleon hat den Code civil für Europa gültig gemacht, das Gesetzbuch, das zum ersten Mal alle Menschen vor dem Gesetz gleichbehandelt. Er war auch nicht alleinverantwortlich für die napoleonischen Kriege. Ihm haben wir ein umfangreich strukturiertes Straßennetz zu verdanken. Er konnte aber auch grausam sein, so ließ er einen Buchhändler, der angeblich feindliche Schriften vertrieb, verschleppen und ermorden. In dem spannenden Buch ‚Auf Napoleons Spuren‘ erzählt Thomas Schuler erhellend von einer großen Persönlichkeit, deren Wirken unsere Geschichte bis heute maßgeblich beeinflusst.

Moderation: Johannes Schröer
(DR)