Stephan Grünewald
Stephan Grünewald

05.04.2019 - 08:50

Stephan Grünewald über eine aufgewühlte Gesellschaft Wenn der innere Kompass fehlt

Stephan Grünewald analysiert in seinem Buch 'Wie tickt Deutschland' die Psyche einer aufgewühlten Gesellschaft. Im DOMRADIO.DE Interview spricht er auch darüber, wie die Kirche den Menschen heute Orientierung geben kann.

Früher fühlten sich die Menschen ihrer Kirche, ihrer politischen Partei, ihrer Ehe ein Leben lang verbunden. Sie hatten einen inneren Kompass, der ihnen half, in der komplexen Welt, Kurs zu halten und Orientierung zu finden. Diesen inneren Kompass gebe es nicht mehr, sagt Stephan Grünewald im DOMRADIO.DE Interview. In einer rauschhaften Befreiung seien in der Vergangenheit alle festen Rollenmustern, alle religiösen Gewissheiten und alle moralischen Wertesystemen abgeschüttelt worden. Diese als Emanzipation gefeierte Befreiung habe aber im Lauf der Jahrzehnte zu einer, wie Grünewald das nennt, coolen Gleichgültigkeit geführt.

Auf der Suche nach Orientierung

"Alles ist gleichgültig, alles ist möglich und so kann ich auch gleichgültig durch das Leben laufen und mir ein Maximum an Spaß gönnen", sagt der Psychologe. Coole Gleichgültigkeit und Spaßgesellschaft. Was soll daran denn schlimm sein? Stephan Grünewald gibt zu bedenken, dass wir, wenn alles gleichgültig und damit beliebig sei, keine stabilen Instrumente mehr hätten, die uns in der komplexen Welt Orientierung geben könnten. Und so taumelt der Mensch von Entscheidung zu Entscheidung, fühlt sich überfordert, wird immer müder und sehnt sich nach einem Heilsbringer, der ihn erlöst. "Und in dieser Situation ist für manchen die nächstbeste Verschwörungstheorie, die nächstbeste Heilsidee, die nächstbeste Lüge besser als die Komplexität der Wahrheit, weil die Lüge uns verspricht, wieder festen Grund unter die Füße zu bekommen", sagt Grünewald.

Digitale Allmacht und analoge Ohnmacht

In der Gefühlslage einer "entfesselten Beliebigkeit" wirkt auch das Smartphone wie ein Erlöser. Stephan Grünewald nennt es "ein zusätzliches Körperteil", das wir bekommen haben und das uns Allmacht suggeriert. "Das Smartphone ist ein Zepter der Macht", sagt er. "Mit unserem magischen Zeigefinger können wir im Handstreich Transaktionen tätigen oder immer neue Partner ertindern. Wir können uns allwissend und allmächtig fühlen". Unser Alltag aber sieht dagegen ganz anders aus, kleinteilige Probleme müssen wir lösen, mit unseren Lebenspartnern zähe Beziehungsgespräche führen oder einen Chef aushalten, der uns ständig ärgert. "Der Alltag wird dabei als eine ungeheure Kränkung hingenommen. Der digitalen Allmacht steht damit eine analoge Ohnmacht gegenüber und das erzeugt Wut, die in den sozialen Medien entladen wird und das ist dann wiederum eine Möglichkeit, meine analoge Ohnmacht in eine vermeintliche Allmacht zu verwandeln".

Die Chancen der Kirche

Auch den Kirchen gelingt es immer weniger, die Menschen an sich zu binden und damit als ein Kompass Orientierung zu vermitteln. Für das Erzbistum Köln hat Grünewald mit seinem Rheingold Institut eine Befragung zur Kirchenbindung der Menschen durchgeführt. "Dass die Menschen nicht mehr zur Kirche gehen, bedeutet nicht, dass sie nicht mehr an Gott glauben", sagt er. Die Menschen, die er befragt habe, seien durchaus empfänglich für einen Gottesdienst, der sie emotional anspreche – mit Orgelklängen, Weihrauch und Geborgenheit in einem Ritus, der auf etwas verweise, dass größer sei, als sie selbst. In seinem Buch "Wie tickt Deutschland" beschreibt der Psychologe auch die Vergötzung der Technik als eine Art säkularer Religiosität und Gegenwelt.

Grünewald empfiehlt den Menschen, aus dem Hamsterrad auszusteigen, Muße zu haben, um für das Göttliche, was in der Welt sei, empfänglich zu werden. "Die Kirche ist immer dann gut beraten, wenn sie ihre Mitglieder nicht in die Knie zwingt, wenn sie sie nicht drangsaliert, sondern wenn sie über ein Verstehen der alltäglichen Nöte den Menschen das Gefühl gibt, wir sind bei euch und wir heben euch – zumindest für einen Moment – in eine andere Sphäre".

Moderation: Johannes Schröer
(DR)

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