Autor Robert Pfaller (2012)
Autor Robert Pfaller (2012)

11.07.2018 - 16:49

Robert Pfaller über die politische Krise der Gesellschaft Eine Streitschrift gegen den neoliberalen Kapitalismus

Ein Prozent der reichsten Menschen besitzen genauso viel Vermögen wie über 50 Prozent der gesamten Weltbevölkerung. Auch in Deutschland werden die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer. Die Politik tut kaum etwas, um einen sozialen Ausgleich zu schaffen, sondern beschäftigt sich ausgiebig mit Diskussionen auf Nebenschauplätzen. Robert Pfaller analysiert in seinem Buch 'Erwachsenensprache' die Entsolidarisierung der Gesellschaft.

"Seit etwa 1980 verfolgen die großen politischen Lager in den westlichen Gesellschaften keine unterschiedliche ökonomische Politik mehr", sagt Professor Robert Pfaller im DOMRADIO.DE Interview. "Auch die Sozialdemokratie hat seit den 80er Jahren eine neoliberale ökonomische Politik betrieben." In vielen Ländern Europas führe das zur Krise der Sozialdemokratie, ist Pfaller überzeugt. Die SPD habe ihr Kerngeschäft, die Interessen der wirtschaftlich benachteiligten Menschen zu vertreten, massiv vernachlässigt und sich mit dem neoliberalen Kapitalismus verbündet. "Jetzt mussten aber die linken Parteien damit beginnen, sich wenigstens symbolisch von den Rechten zu unterscheiden. Darum gehen alle Anstrengungen der Sozialdemokratie und ähnlich linker Parteien in das Kulturelle", hat der Professor für Kulturwissenschaften beobachtet. Die Ursachen und Mechanismen dieser gesellschaftlichen Entwicklungen analysiert Pfaller in seinem Buch 'Erwachsenensprache. Über ihr Verschwinden aus Politik und Kultur'. "Bestimmte Gefechte um Symbole oder um sprachliche Formulierungen werden mit einer Vehemenz ausgefochten, die man nicht verstehen würde, würde man nicht begreifen, dass das eben der Ersatz für einen ökonomischen Kampf ist," sagt der Kulturwissenschaftler.

'Wer keine Zukunft hat, braucht umso mehr Herkunft'

Statt die Interessen der kleinen Leute zu vertreten, kämpfte die SPD auf einmal für das Recht auf die 'Ehe für alle' oder für gendergerechte Sprache. Alles Themen, die zwar wichtig sind, aber auch von der dringend notwendigen gesellschaftlichen Diskussion ablenken, dass die Reichen immer reicher und die Armen immer Ärmer werden. "Die untere Mittelschicht verarmt zunehmend. Bis in die oberen Mittelschichten hinein haben heute schon die Menschen das Gefühl, dass es ihnen morgen nicht mehr besser gehen wird", sagt Pfaller. Das heißt auch, wer keine Zukunft hat, der braucht umso mehr Herkunft, das heißt mehr Identität, mehr abgrenzende Selbstvergewisserung. "Bis in die 80er Jahre hinein hat sich in den westlichen Gesellschaften eigentlich niemand überlegt, wo er eigentlich herkommt und ob das für ihn wichtig ist und welche sexuelle Identität er hat", sagt Pfaller. "Alle hatten das Gefühlt, morgen schon kann ich etwas Besseres sein. Die Menschen waren eher daraufhin orientiert, was sie morgen sein werden als auf das, was sie heute sind oder gestern waren."

Die Gier des Kapitalismus. 'Wann ist es endlich genug?'

Ein typisches Beispiel für das Ablenkungsmanöver des neoliberalen Kapitalismus sei die Verschiebung der Probleme im Bereich der Emanzipation der Frau. Da werde erbittert um gendergerechte Sprache diskutiert, anstatt dafür zu sorgen, dass Frauen wirtschaftlich gleichgestellt werden, soviel verdienen wie Männer, also ökonomisch gleichberechtigt sind. "Nötig sind doch umfassende Kinderbetreuungseinrichtungen und weitere Investitionen in den Sozialstaat. Jetzt aber, wo das nicht mehr gemacht wird, forciert man eben symbolische Strategien, um die Frauen zufriedenzustellen." Symbolische Strategien, damit meint Professor Pfaller hochgeputschte Diskussionen um das Binnen-I zum Beispiel. Man kämpft für Worte wie ProfessorInnen oder FacharbeiterInnen. Dabei wäre es viel sinnvoller, erst einmal den FacharbeiterInnen genauso viel Geld zu zahlen wie den Facharbeitern. Professor Pfaller sagt, hinter diesen Ablenkungsmanövern in den gesellschaftlichen Diskussionen stecke eine politische Strategie, von der der Neokapitalismus als Taktgeber profitiere. "Bestimmte neoliberale ökonomische Schulen rechtfertigen hier die Interessen bestimmter Gruppen. Deshalb hat sich dieses ökonomische Denken so massiv durchgesetzt", sagt Pfaller.

Der grenzenlose Kapitalismus forciert vom neoliberalen ökonomischen Denken führe aber, so ist Professor Pfaller überzeugt, in die Sackgasse. "Wir versuchen unsere ökonomische Leistungsfähigkeit grenzenlos zu steigern, wir versuchen immer reicher zu werden, ohne die Frage zu stellen, wann ist es eigentlich genug – wann habe ich eigentlich ein gutes Leben?", gibt der Professor für Philosophie und Kulturwissenschaften zu bedenken.

Moderation: Johannes Schröer
(DR)

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