Ilija Trojanow
Ilija Trojanow

05.07.2017 - 11:21

Ilija Trojanow über sein Buch ´Nach der Flucht´ "Es gibt ein Leben nach der Flucht"

"Das ist das wichtigste Ereignis meines Lebens, das alles andere dann geprägt hat", sagt Ilija Trojanow über die Flucht seiner Familie aus Bulgarien. Er war damals sechs Jahre alt. Sein Buch ´Nach der Flucht´ hat er seinen Eltern gewidmet. ´Meinen Eltern, die mich mit der Flucht beschenkt haben´ lautet die Widmung. "Ich fand es jetzt charmant, meinen Eltern mit 45 Jahren Verspätung zu sagen ´Gut gemacht´".

Die Widmung an seine Eltern charakterisiert den Grundton des Buches ´Nach der Flucht´. Trojanow sieht seine Flucht aus Bulgarien auch als ein Geschenk. Damit hinterfragt der Autor herkömmliche Stereotypen, die eine Flucht ausschließlich als schweres Schicksal beschreiben. "Wir assoziieren mit Flucht immer nur ein tragisches Ereignis und eine Opferrolle der Flüchtlinge. Ist das wirklich so?", fragt Trojanow. "Ist es nicht so, dass viele Menschen – meine Eltern zum Beispiel – beschlossen haben, selbstbestimmt und mutig aus einer Diktatur zu fliehen, weil sie die Diktatur nicht mehr ertragen haben aber natürlich auch, weil sie sich für ihr Kind ein eigenes Leben gewünscht haben? Ist diese Flucht nicht auch ein heroisches Ereignis und was ergibt sich daraus?" Eine Flucht kann auch ein positives Ereignis sein, sagt Trojanow – und man stutzt. Flucht heißt doch Verlust, Verlust von Haus und Hof, Verlust der Heimat, Verlust von Hab und Gut und der Sprache. Trojanow ist durch die Welt gereist, er hat in Afrika und Indien gelebt, er spricht heute vier Sprachen fließend. "Der Sesshafte betrachtet Verlust immer nur als ein Manko und ein Minus", sagt der Autor. "Man kann das aber auch genauso von der anderen Seite betrachten und sagen: Verlust ist Befreiung. Was umgeben wir uns mit Sachen, die uns niederbinden, die uns fesseln, die uns gerade nicht erlauben, neue Aufbrüche zu machen. Dadurch dass der Beginn des Geflüchteten dieser radikale Schnitt mit der Vergangenheit ist und die Rückkehr meist nicht möglich, hat er viele Nachteile, logisch, die kennen wir. Aber er hat auch bestimmte Vorteile".

Ein Umkreisen der menschlichen Existenz

Trojanow stellt in seinem Buch die Frage, wie man mit Fremde umgeht, ob man Fremde immer nur als Bedrohung betrachtet oder ob man sagt, das ist die Möglichkeit einer existentiellen Berührung. Und dann zitiert Trojanow in seinem Buch den katholischen Mystiker Hugo von Sankt Viktor: "Wer sein Heimatland liebt, ist ein zarter Anfänger; wem jeder Fleck so viel bedeutet wie der / heimische, ist stark; vollkommen ist aber jener, dem die ganze Welt ein fremdes Land ist". Ilija Trojanow fordert uns auf, die Diskussion um Flucht und Geflüchtete auf eine viel grundsätzlichere Ebene zu heben, die Folgen nachhaltig zu betrachten, weg von den kurzfristigen Problemen, weg von dem Gerede ums Materielle und um irrationale Ängste davor, was uns alles weggenommen werden könnte, denn: "Was ist mit den metaphysischen und spirituellen Sehnsüchten und Ambitionen, die gerade dazu führen, dass man die Bindung an sehr irdische Sachen wie Flagge, Nation, Staat, eigene Gruppe, eigenes Geschlecht überwindet, weil man tatsächlich in irgendeiner Weise als Mensch erhöht werden kann aus den Niederungen des Alltags. Das kommt ja überhaupt nicht vor". Stattdessen werden hysterisch aufgeladen von bestimmten Parteien und Gruppen Ängste geschürt, die mit der Wirklichkeit und den Chancen, die uns Migrationsbewegungen bieten nichts zu tun haben, sagt Trojanow. Sein Buch ´Nach der Flucht´ erzählt weit mehr als die Geschichte eines Geflüchteten. Es betrifft uns alle, die wir auf der Suche nach dem sind, was wirklich im Leben zählt. "Ich wollte schreiben, was seit 45 Jahren in mir schlummert," sagt der Autor, "weil ich in meinem Leben auch mit sehr, sehr vielen Leuten zu tun hatte, die ähnliche Biografien haben, das hat sich dann verdichtet, angesammelt – aber es hat sich jetzt herausgestellt, dass es tatsächlich so etwas ist, wie ein Umkreisen der menschlichen Existenz und Essenz".

Moderation: Johannes Schröer