02.12.2012 - 15:00

Hanns-Josef Ortheils neuer Roman "Das Kind, das nicht fragte" Im Erzählstrom des Ethnologen

Ein psychologischer Landvermesser war er schon immer, ein präziser Beobachter, ein Ethnologe. Seit er mit seinem Vater in den frühen 1960er Jahren auf Wanderschaft das Tal der Mosel "vermaß" und dies in einem Tagebuch festhielt, erkundet Hanns-Josef Ortheil immer wieder neues Terrain. In seinem neuen Roman ist der Held tatsächlich ein Ethnologe.

Es ist Frühling, der volle Blütenduft liegt über Sizilien, Benjamin Merz, der Ethnologe, steigt in Catania aus dem Flugzeug. Er will für längere Zeit bleiben, Feldforschungen betreiben. Hemmungen hat er, seine präzisen Gedanken und Beobachtungen mitzuteilen, es fällt ihm schwer von sich zu erzählen. Schon im Flugzeug und auf der Gangway kommt es zu Missverständnissen mit den Stewardessen, unfreiwillig komisch wirkt er. Sein Verhalten hat eine lange Vorgeschichte. Er ist das jüngste von vier Kindern, seine Brüder waren ihm immer weit voraus, ließen ihn nie zu Wort kommen, drangsalierten ihn permanent.

Hanns-Josef Ortheil steht dem neuen Helden seines Romans "Das Kind, das nicht fragte" Benjamin Merz sehr nahe, nicht nur in der Seelenverwandtschaft als Ethnologe. Die vier Brüder, derer sich Benjamin Merz durch sein in der Fremde wachsendes Selbstbewusstsein endlich erwehren kann, gibt es auch im Leben von Ortheil. Er hat sie aber nie kennengelernt, denn sie starben vor seiner Geburt. Für Ortheil, den Benjamin, waren die vier Brüder in seiner Kindheit stets präsent: in den Bildern des kleinen Hausaltars der Eltern, in den Erzählungen der Familie, in seiner Phantasie. Dieser Phantasie räumt Ortheil jetzt im neuen Roman einen Platz ein. Allerdings sind die vier Brüder für seinen Romanhelden eine fortwährende Bedrückung, die die frühere Gewalt ihm gegenüber verdrängt haben, ihn aber weiter für unselbständig halten, ihn gängeln und hüten wollen. Auch finanziell ist er abhängig von ihnen, großzügig lassen sie ihn im elterlichen Haus (am Erzbergerplatz in Köln, Ortheils Geburtshaus steht dort) unter dem Dach wohnen.

Die "teilnehmende Beobachtung" des Ethnologen
Aber Benjamin Merz hat wegen seiner Brüder gelernt zu zuhören, er kann sich einfühlen in sein Gegenüber (das machte seine Brüder für ihn berechenbar), lernt geschickt Fragen zu stellen, die den anderen dazu bringen, tief verborgene Details seines Lebens und Wünsche zu offenbaren - beste Voraussetzungen für die "teilnehmende Beobachtung" des Ethnologen, jenes schon hundert Jahre alte Ideal seines Berufsstandes, von Bronislaw Malinowski entwickelt, das den Ethnologen auffordert, trotz eines Restes von gebotener Distanz sich in das Objekt seiner Forschung zu integrieren.

Benjamin Merz kann das. Gescheitert ist er damit allerdings bislang bei seinen privaten Beziehungen. Wann immer er mit einer Frau zusammen war und diese begeistert von sich erzählte, kam irgendwann der Punkt, an dem sie feststellte, dass er der große Unbekannte war, der nichts von sich preisgab, und sich deshalb von ihm trennte. Dies aber ändert sich jetzt. Mandlica wird zu einem Ort der Therapie. Von den Bewohnern wird er mehr und mehr begeistert integriert, weil da einer ist, der sich für sie interessiert, der eine große Forschungsarbeit über ihren kleinen Ort verfassen will, den man gar an die Spitze einer Kommission stellt, um EU-Fördergelder zu bekommen für ein großes Kulturprojekt.

Vor allem aber ist da Paula, still und schön und scheinbar scheu, die zusammen mit ihrer redseligen Schwester Maria die Pension führt, in der Benjamin Merz wohnt. Maria wird eine Art Verbündete, Paula aber fasziniert ihn, sie ähnelt ihm in ihrer Distanz zu den Menschen. In der Idylle von Mandlica, mit seinen zahlreichen Pasticcerien (der Ort ist das Zentrum der sizilianischen Dolci, ein Süßspeisenparadies), seiner verwinkelten Oberstadt, dem Hafen, dem Dom (in dem sich täglich die Frauen Mandlicas treffen) und einem Nobelpreisträger für Literatur (Salvatore Quasimodo), hier in diesem Duft, in dieser Hitze finden Benjamin und Paula zueinander, beginnen sie ihr ganz eigenes Gespräch, einen großen "Erzählstrom", und Benjamin erzählt endlich auch von sich selbst.

Die Unbeschwertheit des ersten tiefvertrauten Miteinanders
Die Liebesgeschichte steht im Mittelpunkt des Romans, und es geht Hanns Josef Ortheil dabei um die Annäherung über das Gespräch. "Wie kommt es zu einer Intimität des Sprechens, die dann wirklich etwas voneinander preisgibt? Die dem andern das Gefühl vermittelt, er hat jetzt etwas ganz von innen gesagt, auch wenn es scheinbar belanglos ist?", fragt Ortheil. Das Liebegespräch ist für Ortheil die höchste Form des Miteinander-Sprechens. Dies ist das Thema seines neuen Romans, dies ist das Thema überhaupt in den Liebesromanen von Ortheil. Hier variiert um die Eigenschaft des Helden, zunächst gar nicht von sich erzählen zu können, dies dann aber in großer Heftigkeit zu leisten. Ortheils Liebesgespräche sind stets geprägt von der Leichtigkeit, Unbeschwertheit des ersten tiefvertrauten Miteinanders. "Das Kind, das nicht fragte" ist zudem ein fein intonierter heiterer Roman, der spitzbübisch auch den Missverständnissen der Sprache gute Seiten beimisst. Denn Benjamin Merz" Erfolgsgeschichte in Mandlica beruht auch auf (durchaus gewolltem) Missverstehen - Mandlica scheint irgendwo auf diesen Guru, zu dem er wird, gewartet zu haben.

Wer sich in Mandlica auf die Spuren des Ethnologen Ortheil begeben will, wird diesen Ort nicht finden. Er sollte stattdessen in den tatsächlich existierenden Ort Modica fahren im Süden Siziliens, dort weilte Ortheil als teilnehmender Beobachter, dort gibt es die Gassen und Restaurants und Buchläden des Romans, dort gibt es die Pension und den Nobelpreisträger und all die Variationen der verführerischen Dolci. Derentwegen fuhr Ortheil eigentlich nach Modica, er wollte ein Buch darüber schreiben (das noch folgen soll). Zunächst aber schrieb er über die Menschen dort mit großer Fabulierkunst diesen wundervollen Liebesroman.