21.01.2019 - 13:32

Guy Helminger über seine Aufzeichnungen aus dem Iran Notizen aus einem widersprüchlichen Land

2007 fliegt Guy Helminger in den Iran, um dort den persischen Autor Amir Cheheltan zu treffen. Ein Austauschprojekt zum besseren Verständnis der Kulturen. Seine Erlebnisse und Begegnungen hat der Autor jetzt in dem Buch 'Die Allee der Zähne' veröffentlicht.

'Vor mir die Reise nach Teheran – Hinter mir der Karneval', so beginnt Guy Helminger die Aufzeichnungen seiner Reise in den Iran. Dort stehen auf Trunkenheit 80 Peitschenhiebe, hat er gelesen. 'Da hätten wohl nur wenige Kölner die fünfte Jahreszeit überlebt' schreibt er. Doch dann erlebt er ein Land, das viel mehr ist, als wir fast täglich in den Nachrichten vom autoritären Mullah-Staat hören.

"Fast jeden Tag bin ich im Iran angesprochen worden", erzählt er im DOMRADIO.DE Interview, "mit einer unfassbaren Offenheit. Da war ich schon erstaunt". Dabei sei er vorher häufig gewarnt worden, pass auf, spreche bloß nicht über Politik, habe man ihm geraten. "Blödsinn", sagt er jetzt. Immer wieder habe er mit den Menschen auch über die politische Situation gesprochen. "Ich bin von verzweifelten Menschen angesprochen worden, die haben mir gesagt: 'Schreiben sie bitte über uns, es muss was geschehen, ich weiß nicht mehr, was ich machen soll'. Andere hingegen haben gesagt: 'Wir wollen mit den Mullahs nichts zu tun haben. Dann gab es wiederum welche, die haben versucht, konkret die Situation zu analysieren", erzählt Helminger.

Die Jugend in Teheran ist areligiös

Die Jugend in Teheran lasse sich durch die Diktatur nicht ihre Lebensfreude und ihren Freiheitswillen nehmen, erzählt der Autor. Besonders religiös sei die Großstadtjugend in dem Land der Mullahs auch nicht. "Es gab viele, die gesagt haben, dass die Jugend regelrecht areligiös geworden ist, weil sie als Generation, die nach 1979 geboren wurde, nie etwas anderes erlebt haben als diesen Gottesstaat, wo man die verlorenen Söhne und Töchter eher nach Hause prügelt als versucht, mit ihnen zu reden und ihre Ängste, Entwicklungsschwierigkeiten und Lust ernst zu nehmen. Da entsteht dann Opposition, die dann bei der Kleidung anfängt". So kleiden sich Jugendliche in Teheran bewußt westlich.

Lippenlose Münder, die alles zermalmen

Guy Helminger war im Rahmen eines Austauschprogramms im Iran, um dort den persischen Schriftsteller Amir Cheheltan zu treffen. Die gemeinsamen Lesungen waren in dem diktatorischen Staat oft mit großen Schwierigkeiten verbunden. "Bei einer Lesung in einer Buchhandlung, da haben wir gerade mal am Nachmittag vorher die Erlaubnis bekommen. Als wir an der Uni lesen wollten, hat Amir am Tag vorher von ganz oben einen Anruf bekommen. Ihm sei gesagt worden, ich dürfte sprechen aber er nicht", erzählt der Autor Helminger.

'Die Allee der Zähne' hat Guy Helminger seine Aufzeichnungen aus dem Iran genannt. Der Titel macht deutlich, dass Helminger im Iran als Autor unterwegs war und seine Eindrücke, die eines Dichters und nicht die eines Journalisten sind. "Da bin ich über eine Allee gegangen und da stehen kahle Bäume, es hat geschneit, es war Februar, März. In dem Moment hatte ich so eine Vision vor Augen, als würden lippenlose Münder anfangen, alles zu zermalmen. Daraus entstand dieses Bild". Damit, so eine mögliche Assoziation des Lesers, kann dann durchaus das autoritäre Mullah-Regime im Religionsstaat gemeint sein, das versucht, alles zu zermalmen und das den Menschen im Iran im Rücken sitzt und sie verunsichert. "Man weiß nie, was morgen kommt", beschreibt Helminger die Empfindungen vieler Iraner. "Man weiß nie, mit welcher Vehemenz es durchgesetzt wird. Das kann schief gehen, das kann auch lange gut gehen. Das ist eine Hinhalte-Methode, wo man innerlich dauernd verunsichert ist, weil man nie weiß, wo schlägt jetzt jemand zu".

(DR)