Guy Helminger
Guy Helminger

21.12.2020 - 15:38

Guy Helminger über sein Buch ‘Die Lombardi-Affäre’ Warum kritische Kunst systemrelevant ist

Wie systemrelevant ist Kunst? Theater, Kinos, Literaturhäuser sind im Lockdown. Was fehlt da? In Guy Helmingers Roman ‘Die Lombardi-Affäre’  geht es unter anderem um die gesellschaftliche Relevanz von Kunst.

“Ein großes Missverständnis in der Politik ist, dass man die Kultur als etwas sieht, was den Menschen schöne, gemütliche Abende bringt, ein schön dekoriertes Wohnzimmer. Das hat aber mit Kunst nichts zu tun”, sagt Autor Guy Helminger im Domradio.de Interview. Kunst müsse unbequem sein, Kunst sei eben kein süffiges Musical, das eine gemütliche Entspannung bringe. “Kunst ist eine Sichtweise auf unsere heutigen Tage und ein Beitrag, genau wie eine Rede im Parlament. Das hat man ernst zu nehmen. Das wird aber nicht gemacht”, ist Helminger überzeugt. “Deshalb redet man auch nie von zeitgenössischer Kunst, sondern immer von Kultur, und Kultur ist alles, auch der Einkaufswagen bei Aldi”.

Mit Fake-News Politik machen

Für Helminger hat Kunst die Aufgabe, das Zeitgeschehen kritisch zu begleiten und zu hinterfragen – dazu gehöre auch die Politik und die Politiker. Genau darum geht es auch im Roman ‘Die Lombardi-Affäre’, die auf die Lunghi Affäre in Luxemburg anspielt. Der unliebsam-kritische Museumsdirektor Enrico Lunghi wurde dabei aus dem Amt getrieben. Anlass dafür war ein Interview mit einer Journalistin. Der Museumsdirektor hatte auf die aufdringliche Journalistin mit einer Handbewegung reagiert und impulsiv ihr Mikrofon weggewischt. Lunghi hätte sich zu dieser impulsiven Reaktion nicht hinreißen lassen dürfen, sagt Helminger. Aber vor der Ausstrahlung sei das Interview bewußt so zusammengeschnitten worden, dass diese Handbewegung viel heftiger gewirkt habe als in Wirklichkeit geschehen. “Das war also eine Fälschung”, sagt Helminger, “und aufgrund dieser Fälschung hat der Luxemburger Premier sich eingemischt und gesagt Lunghi, das wäre nicht in Ordnung, so ein Mann könne nicht an der Stelle eines Museumsdirektors sein usw.”. Der Lunghi Skandal hat dann weite Kreise gezogen, so dass am Ende nicht nur Lunghi abgedankt hat, sondern auch der Chef von RTL und andere Leute gehen mussten.

Was ist Realität? Was Fiktion?

Insofern erzählt Hellminger in seinem Roman auch, wie Fake-News gezielt eingesetzt werden, um unliebsame Personen zu Fall zu bringen und wie sich hier die Medien gemeinsam mit der Politik gegen die Kunst verschworen haben.

Guy Helminger stammt selbst aus Luxemburg. Sein Romanheld Georges Husen weist einige Ähnlichkeiten mit dem Autor auf, aber nur einige. In dem Roman ‘Die Lombardi-Affäre’ geht es auch um die Frage, was eigentlich Realität ist und was Fiktion? Und wie Wahrheit und Wirklichkeit manipulierbar sind. “Viele, gerade die mich und die Lunghi Affäre kennen, werden immer hin- und herspringen – zwischen Wirklichkeit und der Erzählung. Und damit tappen sie natürlich auch in eine Falle, weil es natürlich auch diese Parallelen zum Autor gibt”, erklärt Helminger. ”Gleichzeitig ist es aber auch so, dass mein Romanheld Husen im Darknet unterwegs ist und seinen Nachbarn umgebracht hat. Das hat nun wirklich nichts mit dem Autor Helminger zu tun. Das verspreche ich”.

Kunst ist extrem wichtig

Ja, ein Mord kommt auch in dem vielschichtig spannenden Roman von Helminger vor. Dabei führt der Autor den Leser ständig aufs Glatteis. Was stimmt an der Geschichte? Was hat sich der Autor oder der Romanheld, der in gewissen Teilen mit dem Autor identisch ist, nur ausgedacht? Was ist denn wirklich passiert? Und wer oder was beeinflusst unsere Wahrnehmung der Realität?

Ganz konkret spielt Helminger in seinem Roman auch auf Entwicklungen an, die in einigen Ländern Europas besonders gefährlich für die Kunst werden. “Wenn man zum Beispiel in Ungarn sieht, was dort mit den Theatern, mit der Universität passiert, wo alle patriotisch erzogen werden sollen und die Leute, die kritisch denken, ausgeschaltet werden, da weiß man, wohin das im Endeffekt laufen wird”, beobachtet Helminger. Kunst sei etwas extrem Wichtiges - als Beitrag für eine andere Sicht, für ein differenziertes Miteinanderumgehen. Wer das ignoriert, hat weder Kunst verstanden noch einen wichtigen, existentiellen Teil des Menschen”.

(DR)