07.03.2021 - 09:56

„Die nicht sterben“. Dana Grigorcea über die Gespenster der Vergangenheit Das Rettende ist immer das Milde

Wie gehen wir mit den Gespenstern der Vergangenheit um? Dana Grigorcea stammt aus Rumänien. In dem Roman ‚Die nicht sterben‘ läßt sie Dracula wiederauferstehen. Der grausame Graf spukt in den Diktatoren des Kommunismus und den korrupten Machthabern der Nachwendezeit weiter.

“Eigentlich hätte ich dem Buch auch ein Motto von Martin Luther King voranstellen können”, sagt Dana Grigorcea im DOMRADIO.DE Interview. “Man kann nicht die Dunkelheit mit Dunkelheit vertreiben, sondern nur mit Licht. Nur Licht kann die Dunkelheit erhellen. Wir können das Böse nicht mit Bösem vertreiben. Wir können das aber mit dem Guten tun”.

Das Paradies der Kindheit ist verwahrlost

Eine junge Frau aus Bukarest geht nach Paris, um dort Malerei zu studieren. Auf Einladung ihrer Verwandtschaft kehrt sie nach Rumänien zurück und besucht einen Ort, an dem sie ihre paradiesische Ferienkindheit erlebt hat. Ein idyllischer Ferienort war das, nicht weit von Bukarest entfernt. Doch sie findet ihr Kindheitsparadies verwahrlost vor. Bauruinen entstellen den Ort. Es leben nur noch alte Menschen dort. Die Jungen sind nach der Wende in Rumänien ins westliche Ausland abgehauen. “Sie sieht auch, wie die Fledermäuse kommen und sich in diese Ruinen einnisten. Sie sieht, wie da, wo mal Blumengärten waren, alles verwahrlost ist”, beschreibt die Autorin den Ort, den ihre Ich-Erzählerin vorfindet.

Das unheimliche Erbe des Kommunismus

Zudem muss die Romanheldin erleben, wie die alten Kommunisten mafiös weiterregieren. Sie erkennt aber auch, dass das Paradies ihrer Kindheit immer schon ein zweifelhaftes Paradies war. Die Diktatur, der Kommunismus in Rumänien, streckte schon damals seine unheimlichen Krakenarme bis in den Ferienort aus. Und diese unheimlich grausame Vergangenheit lebt auch nach der Wende weiter. “Es ist jetzt auch eine Zeit des Chauvinismus angebrochen, des Rassismus. Die Ressentiments wurden im Kommunismus gezüchtet und am Leben gehalten. Jetzt sieht man, was das Erbe des Kommunismus war”, sagt Grigorcea.

Die untoten Gespenster - die Geschichte einer Radikalisierung

Die Romanheldin ist so schockiert über die Verwahrlosung und die Armut der Menschen in dem Ort ihrer Ferienkindheit, dass sie merkt, wie sie sich innerlich verwandelt, wie sie sich selbst radikalisiert, wie sie ins Extreme rutscht. Im Roman beschreibt die Autorin diese Verwandlung sehr eindrücklich. Die Ich-Erzählerin droht selbst, ein Vampir zu werden, die Kontrolle über ihr Dasein droht ihr zu entgleiten. Die untoten Gespenster der Vergangenheit drohen sie zu einem untoten und rachsüchtigen, zu einem düsteren Nachtwesen zu machen. “Es ist eigentlich die Geschichte einer Radikalisierung”, sagt die Autorin. “Lange Zeit hat die Romanheldin auch die Armut in dem Ort ihrer Ferienkindheit nicht wahrhaben wollen. Als ihr Jugendfreund dann tot aufgefunden wird und übel zugerichtet ist, passiert etwas mit ihr. Sie beginnt Vampire zu sehen. Sie beginnt sie zu spüren”.

Die Sehnsucht nach der starken Hand

Und hier kommt nun Dracula ins Spiel. Der berühmte rumänische Graf, der als großer Vergangenheitsmythos über Rumänien liegt und sich als untoter Diktator in die Seelen der Menschen eingenistet hat. “Graf Dracula ist ein vermeintlicher Held und er steht eigentlich für alles Dunkle, das wir erleben”, sagt Grigorcea. “Graf Dracula ist der, der die einfachen Fragen stellt und die einfachen Antworten gibt. Er ist die starke Hand, nach der sich die Menschen oft sehnen”. Graf Dracula ist der düstere Diktator, der die Menschen in Versuchung führt. Insofern erzählt Dana Grigorcea auch von der unheimlichen Sehnsucht der Menschen nach einer Autorität, die in einer komplexen Welt mit einfachen Antworten alles zu regeln verspricht. Trump, Putin oder Orban bedienen solche unheimlichen Sehnsüchte.

Kunst kann retten und erlösen

Am Ende des Romans kann sich die Ich-Erzählerin der Verwandlung in eine finstere, gefallene Gestalt entziehen. “Es geht ja um Leben und um Tod”, sagt die Autorin. “Es geht ja um die letzten Dinge. Es geht um die richtige Lebensführung. Und die Frage ist, wie man sich eine Weltanschauung zurechtlegt, die das, was man an Grausamkeiten macht, rechtfertigt und was das Rettende sein kann. Das Rettende ist natürlich immer das Milde, immer die Vergebung, die Liebe”. Die Romanheldin rettet sich aber auch, indem sie sich auf ihre Kunst als Malerin besinnt. Die Kunst hat hier eine erlösende Kraft. “Die Kunst ist ein Greifen nach dem Höchsten. Und ich glaube, dass die wahre Kunst eine Demut zutage legt, eine Verlorenheit der Menschen, mit der wir auch in der Kirche vor Gott niederfallen”.

Veranstaltungshinweis: Donnerstag / 11. März 2021 / 19:30 Uhr / Literaturhaus Köln virtuell / Dana Grigorcea: »Die nicht sterben«

https://literaturhaus-koeln.de/programm/dana-grigorcea-die-nicht-sterben...

 

 

Moderation: Johannes Schröer
(DR)