Bastian Sick
Bastian Sick

23.02.2018 - 13:49

Bastian Sick über den "Irrgarten der deutschen Sprache" Gott als Neutrum?

Seine Bücher sind Bestseller. Bastian Sick durchforstet den Irrgarten der deutschen Sprache. Mit "Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod" wurde er berühmt. Jetzt ist sein Buch "Schlagen Sie dem Teufel ein Schnäppchen" erschienen.

Bastian Sick kann singen, er kann meisterhaft singen. Während des Interviews stimmt er "Großer Gott wir loben dich" an. In seiner Kindheit und Jugend war er im Kirchenchor seiner Heimatgemeinde aktiv. Er singt, weil er so hörbach machen will, wie sich die Melodie des bekannten Kirchenlieds geändert hat. "Jede Umgewöhnung ist natürlich schwierig", sagt er, "das macht man nicht gerne, wenn es einem in Fleisch und Blut übergegangen ist". Bastian Sick will damit demonstrieren, dass Melodien und auch Texte lebendig sind, dass die Zeit ihren Einfluss ausübt und sich auch Worte in ihrer Bedeutung verändern. "Wunderlich" stehe heute eher für "schräg" oder "sonderbar", früher hingegen habe man "wunderlich" im Sinne von "wunderbar" verwendet. "Im Lied ´Wie schön leuchtet der Morgenstern´ werden Menschen, die Gott umsorgt, heute eben als wunderbare und nicht mehr als wunderliche Menschen bezeichnet", erklärt Sick.

Dem Teufel ein Schnäppchen schlagen

Es macht viel Freude mit dem beliebtesten Lehrer Deutschlands über Sprache, Rechtschreibung und Grammatik zu plaudern. Deutschlehrer im herkömmlichen Sinn ist er natürlich nicht. Sein Unterricht findet in keiner Schule statt, sondern auf den Bühnen im ganzen Land. 2006 hielt er vor 15tausend Schülern in der Köln-Arena die größte Deutschstunde der Welt ab. Seine Bücher sind Bestseller. Soeben erschien sein neues, inzwischen 13. Buch mit dem Titel: "Schlagen Sie dem Teufel ein Schnäppchen. Ein Bilderbuch aus dem Irrgarten der deutschen Sprache". Früher habe man dem Teufel oder dem Schicksal ein Schnippchen geschlagen, erklärt er, dass daraus auf einer Werbetafel "Schnäppchen" werde, sei schon sehr lustig.

Rettet den Genitiv

Bastian Sick bedauert, dass dem Deutschunterricht viel von der alten Qualität verloren gegangen sei. "Man schreibt keine Diktate mehr. Man lernt keine Gedichte mehr auswendig", sagt er, "all das haben Pädagogen als alten Ballast und spießig aussortiert". Bastian Sick wehrt sich aber dagegen ein klugmeiernder Oberlehrer zu sein. "Ich schau jetzt nicht jedem auf die Finger, wie er schreibt", sagt Sick, "es geht mir darum, die Sprache der Profis unter die Lupe zu nehmen. Können die Leute, die Zeitungsüberschriften schreiben, überhaupt noch Deutsch?" Wenn er lese, ´Letzter Kritiker von Putin erschossen´, dann frage er sich schon, warum man den guten alten Genitiv nicht mehr benutze, der sei doch klar und unmissverständlich. "´Letzter Kritiker Putins erschossen´ - ist unmissverständlich", erklärt er, "´Letzter Kritiker von Putin erschossen´ - legt die Interpretation sehr nahe, Putin habe hier selbst den Auslöser betätigt".

Ist ´Gott´ ein Neutrum?

Viel Unsinn wird auch im Internet geschrieben. Ganz zu schweigen vom Wildwuchs in der Rechtschreibung auf Twitter oder Facebook. Aber Bastian Sick sieht diese neuen digitalen Schreibflächen nicht unbedingt kritisch. "Es ist ein großes kreatives Feld, wo viel Neues entsteht, wo eben auch viel Unsinn verzapft wird, das gehört einfach zum Kreativen dazu", findet der Sprachästhet und sagt weiter: "Wenn meine Mutter mir eine SMS schickt, die nur noch Kleinbuchstaben enthält, dann rufe ich doch nicht an und sage ´Mama, weißt du nicht, wo die Großstelltaste ist´, sondern ich freue mich, dass sie mir überhaupt eine SMS geschickt hat. Das ist doch schön". Weniger schön findet Bastian Sick, wenn oberste Sprachwächter es übertreiben und zum Beispiel die Bibel neu übersetzen wollen, indem sie Gott den maskulinen Genus nehmen und zu einem Neutrum machen, Gott, kein ´Er´, keine ´Sie´, sondern ein ES? "Davon halte ich wenig", sagt er, "im Deutschen haben wir ja auch eine sehr lebhafte Gender-Diskussion. Immer da, wo der Staat eingreift oder meint, in die Sprache eingreifen zu müssen, führt das zu nichts Gutem. Man kann den Leuten nicht vorschreiben, wie sie sprechen".

Moderation: Johannes Schröer
(KiWi)