Anna Katharina Hahn im Gespräch mit Johannes Schröer
Anna Katharina Hahn im Gespräch mit Johannes Schröer

06.07.2020 - 14:59

Anna Katharina Hahn über ihren Roman ‚Aus und davon‘ Das ‚Vaterunser‘ und das ‚Ave Maria‘ sind Anker für mich

Schaffe, schaffe - so kennt man die fleißigen Schwaben. Geprägt ist ihre Mentalität vom Pietismus - einer Frömmigkeit, bei der jede Tätigkeit auf das Himmelreich ausgerichtet ist. In ‚Aus und Davon‘ erzählt Anna Katharina Hahn von einer Frau, die vom Pietismus geprägt ist.

„Der Pietismus ist nicht unbedingt ein Hort der Lebensfreude“, sagt Anna Katharina Hahn im DOMRADIO.DE Interview. Ihre Romanheldin Elisabeth hört häufig die Stimmen ihrer Kindheit, die ihr ein schlechtes Gewissen machen, wenn sie mal Fünfe gerade sein lässt. Ein typisch schwäbisches Verhalten sei das, sagt die in Stuttgart lebende Autorin. „Ob das nun Äpfel auflesen ist oder Kehrwoche machen oder überhaupt alles aufräumen und wegtragen, das ist ja nichts Schlechtes, aber es ist sehr charakteristisch für unsere Ecke da unten. Gerade wenn man es hier mit Köln vergleicht. Also einen ordentlichen Fasching und Karneval kriegen wir in Stuttgart nicht zustande“.

Der Geschichtenschatz der Bibel

In Ihrem Roman geht es Anna Katharina Hahn aber nicht darum, die strenge religiöse Erziehung einseitig zu verteufeln. Das wäre ihr viel zu simpel. Denn der Glaube der Kindheit kann die Romanheldin Elinsabeth auch trösten. „Da gibt es schon viele, die sagen, sie haben natürlich gelitten unter dieser kruden Sexualmoral und der sehr klein geschriebenen Lebensfreude“, sagt die Autorin. „Aber da gibt es andererseits wirklich ein Schatz im Gepäck an Liedern, an Sprüchen, an Geschichten, der große Wert des Wortes und überhaupt die Lieder von Paul Gerhardt oder der ganze Geschichtenschatz der Bibel. Das bleibt und ist wertvoll“.

Kindheitsglaube als Anker

Im Roman „Aus und davon“ kümmert sich Elisabeth um ihre beiden kleinen Enkel, deren alleinerziehende Mutter in die USA geflogen ist, um sich eine Auszeit zu nehmen. Als Bruno, der Enkel, spurlos verschwindet, sucht Elisabeth verzweifelt nach ihm, und sie erfährt Trost, indem sie in ihrer Not auf die Gebete ihrer Kindheit zurückgreift. „Ich denke schon, dass Dinge, die aus der Kindheit kommen, wo man ja noch bedingungslos und fest glaubt, wenn man die entsprechenden Vorbilder hat, dass sowas einfach ein Anker bleibt“, ist Anna Katharina Hahn überzeugt. „Ich muss sagen, dass ich jetzt auch in der Coronazeit und überhaupt in Zeiten der Verzweiflung die Gebete, die ich wirklich im tiefsten Herzen auswendig kann, hervorhole. Das 'Vaterunser' und 'Ave Maria', das sind Anker für mich. Da hatte ich auch keine Mühe, eine Figur wie die Elisabeth zu gestalten, die sich daran festklammert“.

Ganz allein in Amerika

Elisabeth ist eine der zentralen Figuren im Roman ‚Aus und davon‘. Anna Katharina Hahn erzählt die Geschichte von vier Frauen in vier Generationen. Angefangen bei Elisabeths Mutter Gertrud, die in den zwanziger Jahren als junges Mädchen von ihrer verarmten Familie in die USA geschickt wird, um dort Geld zu verdienen. Das passierte damals häufig - auch in ihrer Familie sei das geschehen, erzählt die Autorin.

Die junge Gertrud hält sich im Roman an ihrer Trostpuppe fest, die heißt Linsenmaier. „Der Linsenmaier rettet in der schlimmsten Situation für Gertrud ihr Leben als Lebensspeise. Sie ist genötigt, seine Füllung zu essen“. Einfühlsam erzählt Anna Katharina Hahn vom Leben der einsamen Gertrud in den USA in den zwanziger Jahren und zwar, und da benutzt sie ein besonderes Stilmittel, aus der Perspektive der Puppe Linsenmaier.

Das Erzählen von Geschichten tröstet

Anna Katharina Hahn verbindet mit großer Könnerschaft Jahrzehnte und Kontinente. Sie erzählt vom Leben in Stuttgart, von Elisabeth, von Cornelia, ihrer Tochter, von den Herausforderungen, denen sich Frauen heute stellen müssen, von Lebensbrüchen und der Sehnsucht nach Glück.

Am Ende tröstet die Großmutter Elisabeth ihren unglücklichen Enkel Bruno, indem sie ihm eine Geschichte erzählt - und zwar die vom Linsenmaier. „Das Credo all meiner Bücher ist, dass man durch das Erzählen von Geschichten Trost finden kann, selbst wenn man keine Religion hat. Mir persönlich genügt das nicht“, bekennt die Autorin, die selbst katholisch ist und weiter sagt sie: „Mein Roman ist kein pessimistisches Buch, auf keinen Fall. Es gibt beides. Es gibt Lachen und Weinen und den Trost der Literatur. Das Wort, auch wenn es nicht immer das Wort der Bibel ist oder irgendeines anderen heiligen Buches, ist trotzdem ganz wichtig, sich gegenseitig Dinge zu erzählen und zu sprechen, und das machen eigentlich alle Figuren in meinen Romanen“.

Moderation: Johannes Schröer
(DR)